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Gewaltfreies Hundetraining – was ist das eigentlich?

 

Wenn man sich so die Websites der Hundeschulen durchliest, scheinen sich irgendwie alle einig zu sein, denn überall liest man es: „gewaltfreies Training“.

Schaut man sich dann aber das Training im Einzelnen an, dann gibt es überhaupt keine klare Linie, jeder hat andere Prinzipien, und manchmal sind sich sogar die Trainer bei ein- und derselben Hundeschule nicht einig, wie das Hundetraining zu erfolgen hat. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass das Wort „Gewalt“ ein sehr dehnbarer Begriff ist.

Was ist das überhaupt: „Gewalt“? Wie definiert man das?

Klar, bei Stachelwürger und Elektroschocker sind die Grenzen ziemlich klar definiert: Die sind nicht nur extrem gewalttätig, sondern ihr Einsatz ist hier bei uns glücklicherweise auch verboten. Aber es gibt noch viel mehr Formen von Gewalt, und nur weil eine Hundeschule sich an die gesetzlichen Vorschriften hält, arbeitet sie noch lange nicht gewaltfrei.

Es gibt zum Beispiel sehr subtile, nach außen ganz unschuldig aussehende „Erziehungsgeschirre“ und „-halsbänder“ im Stil des gefürchteten „Illusion Collars“ von Hundealptraum Cesar Millan, die im stinknormalen Zoohandel nicht nur an Tierquäler, sondern auch an unerfahrene und leichtgläubige Menschen verkauft werden, die denken, das sei alles gar nicht so schlimm. Und es gibt Trainer, die solchen Leuten diese Mittel sogar empfehlen.

Neben Würgen, Treten, Pieksen und Schlagen, was erstaunlicherweise nicht aus der Mode zu kommen scheint (solche Leute trauen sich allerdings meist nicht, „gewaltfrei“ auf ihre Homepage zu schreiben, weil das dann doch zu offensichtlich gelogen ist), sind seit einiger Zeit auch zahlreiche Formen psychischer Gewalt ganz hoch im Kurs.

Sehr beliebt sind die beiden Maßnahmen Erschrecken und Ausgrenzen. Also auf gut Deutsch gesagt: Mobbing.

Immer dann, wenn Ihr Hund etwas tut, was Sie nicht wollen, oder auch nur dann, wenn Sie glauben, er könnte vielleicht eventuell etwas denken oder vorhaben, was Sie nicht möchten, sollen Sie ihn diesen Empfehlungen zufolge mobben, was das Zeug hält, bis er so eingeschüchtert ist, dass er sich nie wieder traut, auch nur irgendwas zu tun oder zu denken.

Das geht so:

Man bewerfe den Hund mit allem, was einem in die Finger kommt. Am besten aber mit einem Gegenstand, der auch noch ordentlich Krach macht und somit vielleicht auch noch eine schöne Geräusch-Phobie erzeugt. Das ist herrlich effektiv, denn dann muss man in Zukunft vielleicht nicht mal mehr werfen, sondern macht einfach das Geräusch, und der Hund liegt panisch am Boden. Toll!

Man kann den Hund alternativ auch mit einer Wasserflasche aus heiterem Himmel anspritzen. Dafür eignet sich natürlich nicht jede x-beliebige Wasserflasche, denn der Hund soll sich ja nicht über die schöne Abkühlung freuen, sondern sich ordentlich erschrecken. Das Wasser muss also gewehrschussartig verteilt werden können und darf keinesfalls tröpfeln. Hierfür gibt es bestimmte Empfehlungen, die Ihnen einer der „gewaltfreien“ Trainer in Ihrem Ort sicher nennt. Achten Sie gut darauf, dass Ihr Hund auch ordentlich Angst vor Ihnen bekommt, da sonst die Gefahr bestehen könnte, dass er doch noch Vertrauen zu Ihnen aufbaut, und das wollen wir ja um jeden Preis verhindern.

Weiterhin kann man den Hund „vertreiben“, wenn er etwas Unerwünschtes tut. Dafür reicht es aus, wie eine wildgewordene Furie schreiend hinter ihm herzurennen und ihm dadurch unmissverständlich klarzumachen, dass er aus der sozialen Gruppe ausgeschlossen ist und niemals wieder ein weiches Bett oder Futter und Wasser erhalten wird.

Ich muss gestehen, ich habe dieses Vertreiben früher auch angewandt, wenn ich mir nicht anders zu helfen wusste, und es schien auch so, als hätte es gewirkt. Heute sehe ich die Tatsache, dass mein Hund danach mit völlig verstörtem Blick brav neben mir her lief, doch etwas anders. Der Eindruck einer komplett Geistesgestörten, den ich in dem Moment bei ihm hinterlassen haben muss, ist vermutlich niemals wieder aus seinem Gedächtnis zu tilgen und hat mir zahlreiche Misserfolge im späteren Training beschert. Nämlich immer dann, wenn ich meinem Hund vermitteln musste, dass ich Situationen für ihn regele. Wie soll er mir auch vertrauen, wenn ich mich ihm gegenüber schon mal so unberechenbar und irre verhalten habe?

Eine weitere Form des Psychoterrors, der genau wie das Vertreiben auf den Ausschluss aus der sozialen Gruppe abzielt, ist das länger andauernde Ignorieren des Hundes.

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wenn mein Hund mich durch aufdringliches Verhalten nervt (und ich definitiv weiß, dass kein dringendes Bedürfnis dahinter steckt), dann ist es absolut in Ordnung, wenn ich ihm durch demonstratives Nichtbeachten aufzeige, dass er damit nicht an sein Ziel kommt. Aber: Das darf niemals länger andauern, sondern muss beendet werden, wenn das unerwünschte Verhalten endet. Und wenn mein Hund dann ein paar Minuten ruhig war, gehe ich zu ihm und lobe ihn für dieses vorbildliche Verhalten, damit er weiß, was ich von ihm erwarte. Denn dieses kurzzeitige Ignorieren soll ja schließlich einen Lerneffekt für den Hund haben und nicht meinen persönlichen Rachegelüsten dienen.

Keinen Lerneffekt hat hingegen das langfristige (oft sogar für mehrere Wochen angeordnete) Ignorieren, das leider von manchen Hundetrainern als „Lösung für alle Probleme“ empfohlen wird. Ignoriere ich meinen Hund länger als das Verhalten, das ich ändern möchte, andauert, dann verwirrt und verängstigt ihn das zutiefst. Denn er hat dann keine Möglichkeit zu verstehen, warum ich ihn auf einmal aus meinem Alltag ausgrenze. Hunde sind sehr soziale Lebewesen, für die die Gemeinschaft mit ihren Menschen das Wichtigste überhaupt ist. Nicht ohne Grund haben so viele Hunde Schwierigkeiten mit dem Alleinsein. Sind wir dann aber endlich wieder vereint, dann möchte der Hund mit uns interagieren, mit uns kommunizieren, mit uns spielen und kuscheln. Er braucht diese Gemeinschaft mit uns so sehr wie Futter, Wasser und einen trockenen Schlafplatz.

Wenn wir ihm die Erfüllung dieses Bedürfnisses verweigern, indem wir ihn längere Zeit ignorieren, und ihm auch jede Chance verwehren, durch eine Verhaltensänderung seinerseits diese Nichtbeachtung zu beenden, dann erfüllt das den Tatbestand der Tierquälerei. Hunde, die so behandelt werden, reagieren zutiefst verstört und verunsichert. Sie geraten in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit, was bedeutet, dass sie keine Möglichkeit haben, einer unangenehmen Situation durch eigenes Tun zu entkommen. Die Folge sind Frustration und Verzweiflung, und auf längere Sicht können sogar Depressionen und schwerwiegende Verhaltensstörungen entstehen.

Wer glaubt, durch ein solches Handeln ein Problem aus der Welt zu schaffen, der irrt gewaltig. Natürlich wird der Hund nach diesem Ignorier-Programm überglücklich sein, wenn man ihn wieder in die Gemeinschaft, aus der man ihn ausgestoßen hatte, integriert und ihm wieder Aufmerksamkeit und Beachtung schenkt. Er wird alles tun, um nicht noch einmal diese Tortur ertragen zu müssen. Aber der Vertrauensverlust ist da, und dieses Loch lässt sich nicht so einfach wieder flicken. Wie soll sich so ein Hund bei seinen Menschen sicher und geborgen fühlen? Wie soll er nach so einem grauenvollen Erlebnis innere Ruhe finden? Man darf sich nicht wundern, wenn nach einer solchen Behandlung Verhaltensprobleme entstehen, die vorher nicht vorhanden waren, denn Psychoterror geht an keinem Lebewesen spurlos vorbei.

Es gibt in der „Szene“ tatsächlich Trainer, die behaupten, alles, was keine körperliche Gewalt ist, sei überhaupt keine Gewalt. Seelische Gewalt existiert in der Welt dieser Menschen nicht. Oder aber es wird gar die Behauptung aufgestellt, dass Hunde untereinander das auch machen, und daher sei das völlig okay. Nun, ich persönlich habe noch niemals gesehen, dass Hunde, die gemeinsam in einer sozialen Gruppe leben und sich mögen, einander ständig verjagen, ignorieren und ausgrenzen. So etwas gibt es nur dann, wenn die Hunde ein Problem miteinander haben und sich nicht leiden können. Und ausgerechnet so eine Konstellation sollten wir ja nun nicht unbedingt als Vorbild für unser Verhalten gegenüber unserem eigenen Familienmitglied nehmen.

Kehren wir noch mal zur körperlichen Gewalt bzw. Strafe zurück, denn auch da gibt es Menschen, die noch im 21. Jahrhundert ernsthaft Argumente pro Gewalt vertreten. Machen Sie hier nicht den Fehler, auf die Hundetrainer hereinzufallen, die sagen: „Wenn mein Hund Aggressionsverhalten zeigt, dann kann ich das nicht auf die sanfte Tour abtrainieren. Da muss ich ihm zeigen, wo der Hammer hängt.“ Denn dabei ist schon allein die Herangehensweise schlicht falsch. Es handelt sich um eine reine Symptombekämpfung: Er zeigt Aggressionsverhalten, also brate ich ihm eins über. Das setzt am falschen Punkt an.

Gutes Hundetraining setzt nicht an den Symptomen an, sondern an den Ursachen. Ich frage nicht: „Was tue ich, wenn der Hund sich so verhält?“ Ich frage: „Warum verhält der Hund sich so? Und was kann ich verändern, damit er gar keine Notwendigkeit mehr sieht, sich so zu verhalten?“ Auch das richtige Timing ist wichtig: Wenn ich weiß, dass mein Hund sich gleich in die Leine werfen und lospöbeln wird, dann warte ich natürlich nicht ab, bis das Unvermeidliche passiert, sondern ich werde vorher aktiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, den Hund in eine positive, entspannte Stimmung zu bringen, bevor er sich in das unerwünschte Verhalten hineinsteigert. Man darf nur nicht immer in den Wenn-Dann-Kategorien denken, sondern muss lernen, vorausschauend zu handeln und flexibel zu agieren, statt immer nur zu reagieren. Und zwar ohne Gewalt.

Unerwünschtes und als störend empfundenes Verhalten entsteht zu 90 Prozent aus Aufregung. Ein völlig tiefenentspannter Hund tut selten etwas Unerwünschtes. Meist sind es doch eher die aufgeregten Verhaltensweisen, die uns ärgern, wie Bellen, Beißen, an der Leine zerren, andere Hunde attackieren, unkontrolliertes Herumspringen etc. Bei all diesen Dingen muss ich mich also fragen: „Warum und worüber regt sich der Hund so auf?“ Und: „Was kann ich tun, um die Situation entspannter zu gestalten, damit gar nicht erst so eine Aufregung entsteht?“ Wenn man in dieser Form an den Ursachen des Verhaltens ansetzt, erübrigt sich häufig weiteres Training sogar, denn die vom Hund als entspannter empfundene Situation bewirkt, dass er sich auch ruhiger verhält und der Mensch kein Problem mehr sieht.

Das Gleiche gilt, wenn ein Hund deshalb unerwünschtes Verhalten zeigt, weil er Schmerzen hat, was übrigens gar nicht so selten der Fall ist. Ohne eine vernünftige Schmerztherapie wird sich auch sein Verhalten nicht wirklich ändern. Auch hier gilt: Setzt man nicht an der Ursache an, sondern bekämpft nur die Symptome, wird man nicht viel erreichen.

Nun gibt es natürlich Ursachen, die man nicht beseitigen kann. Daher sage ich zum Beispiel bei territorialer Aggression gegenüber anderen Hunden, dass hier das Training Grenzen hat. Denn ich kann meinem Hund nicht „abtrainieren“, dass er es als Affront empfindet, wenn ein anderer Hund unerlaubterweise in seinem Revier herumspaziert. Ich kann die Situation aber auch nicht ändern, denn die öffentlichen Wege rund um unser Haus, die mein Hund als sein Revier betrachtet, dürfen von jedem Spaziergänger benutzt werden. Also ist das eine Ursache, die ich nicht abstellen kann.

Hier kommen jetzt besagte Hundetrainer und empfehlen, das Verhalten, dessen Ursache sich nicht beseitigen lässt, einfach durch Gewalt zu unterdrücken. Das mag auch auf den ersten Blick funktionieren. Aber: Ich warne dennoch deutlich davor, denn Gewalt hat immer Nebenwirkungen, die sich vorher schlecht einschätzen lassen.

Beispielsweise kann es sein, dass mein Hund den Leinenruck, den ich einsetze, um ihn vom Bellen abzuhalten, mit dem Anblick des anderen Hundes verknüpft und lernt: „Wenn ein anderer Hund auftaucht, tut das weh.“ Durch diese Fehlverknüpfung schaffe ich mir ein Problem, denn mein Hund wird in Zukunft vermutlich nicht mehr nur in seinem eigenen Revier aggressiv auf andere Hunde reagieren, sondern auch auf neutralem Gebiet, wo er früher verträglich war. Denn andere Hunde werden durch diese Erfahrung für ihn generell zu einer Bedrohung seines Wohlbefindens, die es schnell zu vertreiben gilt.

Genauso kann es sein, dass in dem Moment, in dem ich meinen Hund für das Bellen strafe, ein Kind in seinem Blickfeld auftaucht und er lernt: „Immer wenn ein Kind auftaucht, tut es weh. Kinder sind gefährlich.“ Und schon dehnen sich seine Aggressionen auch auf Kinder aus, obwohl er diese früher neutral gesehen hat.

Das Gleiche kann mit Fahrradfahrern, Skateboardern und allen möglichen auffälligen Personen oder Dingen passieren, die zufällig gerade anwesend sind – einschließlich mir selbst, denn natürlich merkt mein Hund, dass die Gewalt von mir ausgeht, und das zerstört sein Vertrauen in mich.

Und bleiben wir noch mal beim Leinenruck: Wenn ich an der Leine rucke, um meinen Hund zu strafen, dann kann das zu schmerzhaften Muskelverspannungen oder sogar Schäden an Kehlkopf und Halswirbelsäule führen. Und wie wir alle aus Erfahrung wissen, sind solche Schmerzen im Hals- bzw. Nackenbereich nicht gerade Stimmungsaufheller. Unser Hund hat also unter Umständen Schmerzen und ist deswegen noch grantiger als sonst. Er zeigt wieder Aggressionen, ich rucke wieder an der Leine. Die Schmerzen werden schlimmer. Er zeigt deshalb wieder Aggressionen, ich rucke wieder an der Leine. Die Schmerzen werden schlimmer …

Merken Sie’s? Das ist ein Teufelskreis, den wir uns selbst geschaffen haben. Und das auch noch völlig unnötig, denn es gibt so viele Möglichkeiten, eine Verhaltensänderung ohne Gewalt zu erreichen. Ein bisschen Kreativität ist dabei durchaus hilfreich, denn nicht jeder Hund ist gleich. Aber es gibt inzwischen viele gute und auch wirklich gewaltfrei arbeitende Trainer und auch viele gute Bücher zu dem Thema. Man ist nicht mehr allein auf weiter Flur und hat nicht mehr wie in den 1980ern nur den Schäferhundeverein um die Ecke als Orientierung, es gibt heutzutage viel mehr Möglichkeiten. Man muss sich nur umsehen und informieren.

Und haben Sie den Mut, für Ihren Hund einzustehen und laut und deutlich „nein“ zu sagen, wenn ein Trainer Sie zu etwas überreden will, was Ihnen nicht behagt. Ihr Hund ist Ihr Schützling, sein Wohlergehen liegt ganz allein in Ihrer Hand. Und Sie wissen ja, wie es bei Spiderman schon so treffend hieß: Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.

(Inga Jung, April 2017)

 

 

 

 

 

 

Was uns Star Wars über das Leben mit Hunden lehrt

 

Ich gehöre zu der Generation, die mit den drei alten Star Wars Filmen aufgewachsen ist. Wir haben mit Han Solo, Prinzessin Leia und R2D2 mitgefiebert und uns über den Jammerlappen Luke Skywalker aufgeregt.

Auch heute noch sehe ich die alten Filme gerne und entdecke immer wieder neue Aspekte, je nach Blickwinkel. Neulich stolperte ich über den Dialog zwischen dem alten Jedi-Meister Yoda und Luke Skywalker:

Yoda: „Hüte dich vor der dunklen Seite der Macht.“

Luke: „Ist die dunkle Seite stärker?“

Yoda: „Nein. Sie ist schneller. Leichter. Verführerischer.“

Nachdenklich überlegte ich, ob man das nicht ganz genau so auch über das Hundetraining sagen kann. Ich bin im Laufe der Jahre vielen Hundebesitzern begegnet, die es mit einem positiv aufgebauten Training versucht haben, dann aber doch wieder auf Strafen umgeschwenkt sind, weil es ihnen leichter fiel und so aussah, als sei die Wirkung schneller da. Oder weil ihnen das im Fernsehen suggeriert wurde. Es sieht auf den ersten Blick auch wirklich oft so aus, als ob es schneller ginge, denn Strafen hemmen natürlich das Verhalten des Hundes und unterdrücken seine Impulse. Zumindest kurzfristig.

Langfristig ist der Erfolg eines positiv aufgebauten Trainings besser, sowohl für die Motivation des Hundes zum Mitmachen, als auch für die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Aber das Training langsam und überlegt aufzubauen und durchzuhalten, bis sich Erfolge abzeichnen, das fällt vielen Menschen schwer. Sie wählen dann doch lieber den Verhaltensabbruch durch Strafe. Denn das ist schneller. Leichter. Verführerischer. Aber auch trügerisch und gefährlich, genau wie die dunkle Seite der Macht.

Wir Hundebesitzer können noch mehr von den Star Wars Filmen lernen. Luke Skywalker handelt zuerst impulsiv und unüberlegt. Er ist zornig, hektisch, gerät schnell aus der Fassung. Er ist noch weit davon entfernt, ein Jedi zu werden. Auch wir Hundebesitzer sind nicht perfekt, aber wir können, ebenso wie Luke, dazulernen, wenn wir nur wollen.

Ein Jedi hat seine Impulse unter Kontrolle und ruht vollkommen in sich. Er handelt niemals unüberlegt und denkt immer einige Schritte voraus. Er lässt sich nicht provozieren. Hass, Neid und Wut haben keinen Platz in seinem Leben. Er tut stets Gutes und handelt, nach bestem Wissen und Gewissen, zum Wohl der Allgemeinheit.

Ich glaube, unsere Hunde würden sich wünschen, dass ihre Menschen ein bisschen was von einem Jedi hätten. Hunde bewundern Menschen, die ruhig und gelassen durchs Leben gehen und sich von nichts und niemandem aus ihrem seelischen Gleichgewicht bringen lassen. Solchen Menschen zu vertrauen fällt nicht schwer.

Schauen wir doch alle mal, ob wir nicht den Jedi in uns entdecken. Unseren Hunden zuliebe.

(Inga Jung, Oktober 2015)

Die Leckerli-Frage

Im Hundetraining gibt es viele Überzeugungen und viele Methoden – und oftmals steckt auch in den absurdesten Trainingsmethoden ein klitzekleiner wahrer Kern, ein bisschen Sinn, der sich krampfhaft hinter den Dogmen zu verstecken versucht. Das Problem mit den Methoden ist nur, dass sie die Tatsache außer Acht lassen, dass Hunde und Menschen individuell sind.

Methoden sind zu starr, zu unflexibel, um bei jedem Mensch-Hund-Team funktionieren zu können. Es ist daher schlicht nicht sinnvoll, von vornherein zu sagen: „Ich mach das jetzt so und nicht anders. Denn so ist es richtig.“ Denn man muss immer schauen, was für einen Hund man hat und was für ein Mensch man selbst ist. Und dann gilt es herauszufinden, was diesem Team gut tut. Denn Hundetraining muss gut tun, sonst ist es nicht zielführend. Es muss sowohl dem Hund als auch dem Menschen sinnvoll erscheinen und Spaß machen. Nur was diesem speziellen Hund und diesem speziellen Menschen sinnvoll erscheint und Spaß macht, das ist eben sehr individuell.

Eine dieser starren Methoden ist der grundsätzliche Verzicht auf Futterbelohnungen. Als ich noch in der Welpengruppe ausgeholfen habe, lernte ich eine Frau kennen, die komplett jegliche Futterbelohnung ihres Hundes verweigerte. Und das nicht etwa, weil ihr Hund nichts fressen wollte (das hätte ich verstanden). Nein, sie hatte irgendwo gehört, dass ihr Hund nicht für sie arbeiten würde, sondern nur für das Futter, wenn sie ihn damit belohnen würde, und das wollte sie nicht. Sie wollte, dass ihr Hund alles nur für sie tut, für Frauchen, den Mittelpunkt seiner Welt.

Selbstverständlich funktionierte das überhaupt nicht, denn es handelte sich um einen Welpen, und die beiden kannten sich erst seit einer Woche. Der Hund hatte noch keine wirkliche Bindung zu seiner Besitzerin aufgebaut, denn die fällt schließlich nicht vom Himmel, und für ihn war alles andere interessanter als die Frau, die ihn an der Leine führte. Hier prallte eine romantische Vorstellung von einem Hund, der auf die Welt kommt und sofort seinen Menschen anhimmelt und allein aus diesem Grund mit Freude jedes Kommando für ihn ausführt, schlicht und ergreifend auf die harte Realität.

Sicher gibt es auch andere Möglichkeiten, einen Hund zu belohnen, aber in vielen Situationen ist Futter, begleitet von verbalem Lob, die beste Variante, um das Training positiv aufzubauen und den Hund zum Weitermachen zu motivieren.

Auch wenn ein Hund sich zu Hause noch so gern streicheln lässt, wird ihn das in einer Lernsituation wahrscheinlich eher stören.

Und Spielzeug fördert die Aufgeregtheit des Hundes – etwas, das manchmal okay sein mag, aber bei konzentrierter Arbeit können wir das gar nicht gebrauchen.

Manchmal kann man mit funktionalen Verstärkern arbeiten (also dem, was der Hund gerade möchte), aber das geht auch nicht immer.

Das bedeutet: Futterbelohnung ist in manchen Situationen – gerade wenn es darum geht, etwas Neues zu lernen – absolut angebracht. Man sollte es aber nicht übertreiben und für seinen Hund zum wandelnden Futterautomaten werden. Eine Belohnung wird vom Hund nur als eine hochwertige Belohnung empfunden, wenn er sie nicht alle paar Minuten fürs bloße Rumstehen und Pupsen bekommt, sondern als direkte Folge bestimmter Handlungen.

Je fortgeschrittener ein Hund in seiner Ausbildung ist, desto seltener muss er mit Futter belohnt werden – auch hier muss wieder der ganz individuelle Charakter des Hundes beachtet werden; der eine braucht ein bisschen mehr Motivation als der andere. Ein lobendes Wort als Anerkennung guten Verhaltens ist dagegen immer und bei jedem Hund angebracht und wichtig.

Ich selbst habe immer Leckerlis dabei, auch wenn meine Hunde das eigentlich im Alltag nicht „brauchen“. Der Grund ist einfach: Wir leben in einer sehr wildreichen Gegend, und es kann jeden Tag passieren, dass in unserer unmittelbaren Nähe plötzlich ein paar Rehe oder Hasen weglaufen. Bleiben meine Hunde bei mir und starten keinen Versuch hinterherzurennen, dann ist das eine großartige Leistung, die eine ungeheure Selbstbeherrschung erfordert. Diese Leistung muss ich entsprechend anerkennen.

Hätte ich in so einem Moment nur ein lapidares „Gut gemacht“ für meine Hunde übrig, dann würden sie sich das Ganze beim nächsten Mal sicher anders überlegen. Nein, in so einer Situation muss der Jackpot her!

Eine starke Leistung muss auch großartig belohnt werden. Wenn da zu wenig kommt, dann wird sich jeder Hund das nächste Mal deutlich weniger anstrengen. Wozu denn auch? Dem Menschen scheint es ja egal zu sein.

(Inga Jung, Februar 2014)

 

Öfter mal loben

In der Hundeerziehung wird viel über Strafe diskutiert: Wie viel Strafe darf sein? Welche Strafe darf sein? Wann darf man strafen?

Kaum jemand fragt mich, wie oft er seinen Hund loben darf. Dabei sollte das doch eigentlich die Grundlage jeder Erziehung sein, egal ob Hund oder Mensch.

Ob Mensch oder Hund: Jemand, der immer nur hört, dass er dieses und jenes nicht darf und die dritte Variante bitteschön auch sein lassen soll, der entwickelt vor allem eines: Frust.

Dabei wäre es doch so einfach, die Dinge, die gut laufen, nicht für selbstverständlich zu nehmen, sondern zu sagen, dass sie einem gefallen.

In diesem Punkt kann man die Hundeerziehung durchaus mit einer Beziehung unter Menschen vergleichen. Ein Partner, der immer nur an dem anderen herumnörgelt und nie ein positives Wort für ihn übrig hat, der wird früher oder später merken, dass dieses Verhalten zu einer schlechten Stimmung führt.

Denkt man hingegen daran, sich für die vielen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten auch hin und wieder mal zu bedanken, dann liegt gleich viel bessere Laune in der Luft.

Tun wir doch dasselbe mit unseren Hunden. Nehmen wir an, ihr hättet einen Hund, der ständig auf das Sofa springt, obwohl er das nicht soll. Statt nun immer nur zu schimpfen, wenn er das tut, solltet ihr darauf achten, ihn auch immer dann mit freundlichen Worten zu loben, wenn er auf erlaubten Plätzen (also auf dem Boden oder in seinem Körbchen) liegt. Vielleicht hat ihm bisher einfach nur die Erkenntnis gefehlt, dass ihr es gut findet, wenn er sich so verhält.

Die allermeisten Hunde sind sehr darauf bedacht, sich so harmonisch wie möglich in ihre Familie einzufügen. Sie wollen keinen Ärger. Hunde sind sehr soziale Tiere, die Streit in ihrem engen sozialen Umfeld nach Möglichkeit vermeiden. Also geben wir ihnen die Chance zu erkennen, welches Verhalten wir uns von ihnen wünschen.

Egal ob ihr an einem Problemverhalten arbeitet oder ob schon alles gut klappt: Denkt daran, gutes Verhalten nie als selbstverständlich zu betrachten, sondern euren Hund dafür zu loben. Ihr werdet sehen, dass er es in Zukunft öfter zeigen und eure gegenseitige Verbundenheit daran wachsen wird.

Und vergesst natürlich auch die zweibeinigen Familienmitglieder nicht: Auch die freuen sich immer über ein paar freundliche Worte.

🙂

(Inga Jung, erstmals veröffentlicht im Newsletter August 2012)