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Der Hausfrieden ist wieder hergestellt

Seit Anfang November hat sich die Lage beruhigt. Marty hat Toni inzwischen in den unterschiedlichsten Situationen beobachtet und festgestellt, dass der manchmal aus sehr merkwürdigen und für Martys Verständnis einfach nicht nachvollziehbaren Gründen bellt. Und dass Herrchen in dem Moment wohl doch gar keine Bedrohung darstellt.

Außerdem haben wir natürlich mit gutem Management und vielen kleinen Käsewürfeln aktiv dazu beigetragen, dass sich Martys Gefühlslage angesichts Tonis Gebell wieder beruhigt hat. Mein Mann kann sich jetzt wieder frei im Haus bewegen und muss nicht mehr befürchten, dass Marty plötzlich knurrend auf ihn zugestürzt kommt. Marty geht ihm wieder respektvoll aus dem Weg, so wie er es schon vor Tonis Einzug gemacht hat, aber wirkliche Angst hat er vor Herrchen nicht mehr. Somit ist der Hausfrieden zunächst wieder hergestellt.

Wenn Toni, der ein absolutes Papa-Kind ist, spielerisch von meinem Mann durchgeknuddelt wird, steht Marty dabei und guckt skeptisch zu. Was er davon halten soll, weiß er ganz offensichtlich noch nicht. Aber Toni macht es eindeutig Spaß, also scheint es wohl ungefährlich zu sein.

Marty hat eine detaillierte Beobachtungsgabe und kommuniziert selbst sehr fein. Toni dagegen ist kommunikativ eher ein Grobmotoriker. Marty setzt seinen gesamten Körper ein, um seine Gefühle auszudrücken. Toni stellt sich einfach hin und bellt, wenn er irgendwas will. Das macht er mit Menschen und mit Hunden so. Dieses Verhalten kommt nicht überall gut an und erzeugt zwischen den beiden (und auch zwischen Toni und manchen Hunden, denen wir draußen begegnen) noch das eine oder andere Missverständnis. Toni stört das nicht, er ist da ganz gelassen. Marty verunsichert es manchmal aber doch sehr.

Zum Beispiel haben die beiden ein paar Mal versucht, miteinander zu spielen. Aber wenn Toni hinter Marty herrennt, bellt er dabei immer. Typisch Terrier. Marty deutet das allerdings nicht als Bestandteil des Spiels, sondern bekommt fürchterliche Angst und verfällt in seine altbekannte Schockstarre. Toni steht dann vor ihm und bellt weiter, damit Marty wieder losrennt. Was Marty allerdings erst so richtig in Panik versetzt. Diese Situationen muss ich immer auflösen, indem ich ein paar Leckerlis streue und die Hunde auf andere Gedanken bringe, denn Marty ist in seiner Panik nicht in der Lage, das selbst zu lösen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass er in dem rumänischen Tierheim, in dem er aufgewachsen ist, oft von anderen Hunden gemobbt wurde, und dass ihn solche Situationen daran erinnern.

Ich hoffe sehr, dass im Laufe der Zeit das Vertrauen zwischen den beiden so sehr wächst, dass Marty auch diese Situation ruhig und ohne Angst betrachten und für sich auflösen kann. Denn an sich ist er sehr schlau und kann Situationen unheimlich gut analysieren. Aber seine Ängste blockieren ihn so sehr, dass er nicht mehr handlungsfähig ist, wenn die Unsicherheit mal wieder die Oberhand gewinnt.

Es ist auf jeden Fall spannend zu sehen, wie sowohl Marty, als auch Toni sich entwickeln und jeden Tag lernen – voneinander, von mir und aus den täglichen Alltagssituationen. Und abgesehen von diesen kleinen Bell-Missverständnissen, die auch schon seltener werden, kommen Toni und Marty ganz wunderbar miteinander aus und ergänzen sich optimal.

Toni darf inzwischen auf ausgewählten Strecken, die ich gut überblicken kann, schon frei laufen, und er macht das ganz wunderbar. Von sich aus schaut er sich immer wieder zu mir um, und auch der Rückruf klappt sehr gut. Natürlich wird er dafür auch immer fürstlich belohnt und gelobt.

Bei Marty kommen leider auch auf dem Spaziergang immer mal wieder durch verschiedene Auslöser so starke Unsicherheiten hoch, dass ich auf die Leine noch nicht verzichten kann. Denn wenn er erst einmal weggelaufen ist, kann ihn niemand (außer mir vielleicht) wieder einfangen. Er würde nie im Leben auf die Idee kommen, zu Menschen zu laufen und sich Hilfe zu suchen, so wie Toni das ganz sicher machen würde. Menschen sind für Marty immer noch das Gruseligste überhaupt.

Also gehen wir auf Nummer sicher. Und auch an der langen Leine genießt Marty unsere Spaziergänge sehr. Da gibt es immer etwas Neues zu entdecken, und man kann stehen bleiben und schnüffeln und dann ganz plötzlich losrennen und ein paar Meter sprinten und Haken schlagen … Es ist wunderbar, wie er draußen aufblüht und die Welt jeden Tag aufs Neue erkundet.

Und er hat ja noch sein ganzes Leben vor sich. Marty hat Ende November seinen zweiten Geburtstag gefeiert und hat noch so viel Zeit, um nach und nach seine Ängste abzubauen. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass es mit meinem Mann jetzt wieder entspannter ist. Wer weiß, vielleicht ist Marty irgendwann, in einigen Monaten, auch bereit, sich von ihm streicheln zu lassen. Das wird ganz allein Martys Entscheidung sein. Lassen wir es einfach auf uns zukommen.

(Inga Jung, Dezember 2021)

„Warum lobst du ihn jetzt auch noch dafür, dass er mich angeknurrt hat?“

Ich habe ja bereits erzählt, dass im Mai der kleine Marty aus Rumänien bei uns eingezogen ist. Marty hat inzwischen eine großartige Entwicklung durchgemacht. Er läuft auf Spaziergängen freudig voraus, spielt und ist albern, kuschelt mit mir auf dem Sofa und hat sich problemlos in meinen Alltag integriert. Er hat auch glücklicherweise keine Reisekrankheiten aus seinem Geburtsland mitgebracht, beide Tests waren negativ. So steht einem langen, glücklichen Hundeleben nun nichts mehr im Wege. Naja, fast nichts, denn Marty hat leider immer noch ein Problem: meinen Mann.

Ich bin sonst nicht so, dass ich bei Hunden aus dem Ausland sofort ein Trauma vermute, aber bei Marty gibt es zahlreiche deutliche Hinweise darauf, dass er während der fast eineinhalb Jahre in dem rumänischen Tierheim mit Männern vermutlich auch schmerzhafte, aber auf jeden Fall enorm furchteinflößende Erfahrungen gemacht hat. Und so ist auch seine Beziehung zu meinem Mann von tiefem Misstrauen geprägt. Auch noch nach inzwischen fast sechs Monaten bei uns. Er ist zwar inzwischen so entspannt, dass er auf die Couch springt, wenn mein Mann dort sitzt – das ist durchaus ein großer Fortschritt –, aber er bleibt dann mit viel Abstand in seiner Ecke. Anfassen lässt er sich von meinem Mann nicht und wenn der sich in seine Richtung bewegt, bekommt er Angst und läuft weg.

Nun haben wir vor zwei Wochen den Toni dazu adoptiert, einen kleinen Spanier mit einem sonnigen Gemüt. Toni ist der lebende Beweis dafür, dass Hunde aus dem Tierschutz ganz und gar nicht immer schwierig sind. Toni liebt alle Menschen und ist auch allen anderen Hunden gegenüber aufgeschlossen. Wenn er nicht gerade auf der Couch auf einem Haufen Decken und Kissen liegt und schläft, dann ist er am Dauerwedeln, immer mittendrin im Geschehen und für jeden Spaß zu haben. Da er sehr verfressen ist, tut er alles für ein paar Leckerlis und ist dadurch absolut unkompliziert zu lenken.

Marty und Toni verstehen sich wunderbar. Es gibt nur eine Sache, bei der es noch hakt: Mein Mann spielt gern mit Toni, weil er das mit Marty ja nicht machen kann. Und Toni bellt häufig als Aufforderung, im Spiel oder wenn er etwas haben möchte. Marty dagegen sieht nur, dass Toni bellt, während der „böse Mann“ ihm sehr nahe ist. Da gehen bei Marty alle Alarmglocken an. Achtung, der Mann bedroht Toni, der macht gerade etwas Schlimmes. Wahrscheinlich tut er mir auch gleich etwas an, ich hab’s doch gewusst … Und Marty stürzt sich knurrend mit aufgestellten Nackenhaaren auf meinen Mann.

Das Einzige, was ich in dieser Situation tun kann und darf, ist, Marty aus dieser negativen Emotionslage herauszuholen, aufzufangen und zu beruhigen. Ich streichele ihn und rede ruhig mit ihm, um ihn wieder ansprechbar zu machen. Und ich merke, wie sehr er das braucht. Er versteckt dann seinen Kopf in meiner Armbeuge und wimmert richtig vor sich hin.

Hätte ich geschimpft, wäre Martys Angst ins Unermessliche gestiegen, denn dann hätte ich als seine einzige Vertrauensperson mich auch noch gegen ihn gewendet. Kleiner Hund ganz allein auf der Welt, oh mein Gott … Wer weiß, vielleicht hätte er dann noch heftiger reagiert, oder er wäre in sich zusammengebrochen. Aber ich hätte die Lage auf gar keinen Fall verbessert.

Mein Mann versteht das nicht. Er schaut sich das an, schüttelt mit dem Kopf und meint: „Warum lobst du ihn jetzt auch noch dafür, dass er mich angeknurrt hat?“ Dabei muss man doch überlegen, was die Ursache für Martys Verhalten war. Er verhält sich nicht so, weil er schlicht aggressiv ist oder Ressourcen verteidigen will, sondern weil er Angst hat. Und Angst kann man nicht loben, das geht schlichtweg nicht. Wenn ich Angst habe und jemand tut mir etwas Gutes (das ich auch als etwas Gutes empfinde), dann wird meine Angst nicht stärker, sondern geringer werden, weil ich mich wohler fühle. Es ist also kein Lob, sondern einfach eine Beruhigung Martys heftiger Emotionen. Ein seelisches Auffangen.

Natürlich fände ich es auch schöner, wenn Marty meinen Mann endlich nicht mehr so bedrohlich finden würde. Aber das lässt sich nicht so einfach wegwünschen. Und die als bedrohlich empfundene Person muss sich auch Mühe geben, möglichst keine negativen Emotionen auszustrahlen. Das wiederum ist noch viel schwieriger.

Früher war ich jahrelang von Menschen um Hilfe in solchen oder anderen Situationen mit ihren Hunden gebeten worden, und sie haben versucht, meine Tipps umzusetzen. Wenn ich aber meinem Mann rate, sein Verhalten in der einen oder anderen Situation anzupassen, ist er beleidigt und meint, er wüsste schon, was er tue. Und diese beleidigte, genervte Haltung findet Marty dann wiederum bedrohlich, also sage ich lieber nichts, um es nicht noch schlimmer zu machen. Wie das eben so ist – Szenen einer Ehe.

Momentan versuchen wir möglichst zu vermeiden, dass Toni meinen Mann anbellt und dadurch solche kritischen Situationen entstehen. Das bedeutet, dass wir Toni immer wieder seine geliebten Kongs, auf denen er so gern herumkaut, sie in die Luft wirft und wieder auffängt, wegnehmen müssen. Management als Prävention.

Ich hoffe sehr, dass Marty nach und nach zu vertrauen lernt. Hoffnung gegeben haben mir Freunde, die zwei unsichere Hunde aus dem Ausland aufgenommen haben und meinten, dass beide Hunde ein Jahr gebraucht hätten, bis sie mit dem Mann im Haus einen entspannten Umgang pflegen konnten. Wenn es bei uns auch so lange dauert, dann haben wir ja noch ein paar Monate Zeit. Aber es ist natürlich auch wichtig, dass wir schwierige Situationen möglichst gar nicht erst entstehen lassen bzw. sie schnell entschärfen, wenn sie sich denn nicht vermeiden ließen.

Marty hat in der Zeit, in der er bei uns ist, schon so viel gelernt und so viel Mut bewiesen. Ich bin mir sicher, dass er auch das noch lernen kann. Sofern sich beide Seiten Mühe geben.

(Inga Jung, Oktober 2021)

Unser erster Hund mit Migrationshintergrund zieht ein

Die verrückte kleine Luzi, von der wir immer dachten, sie würde ewig fit bleiben und mindestens 20 Jahre alt werden, hat uns im April 2021 nach schwerer Krankheit leider viel zu früh verlassen. Da standen wir nun, zum ersten Mal seit 17 Jahren ohne Hund im Haus, und fühlten uns leer und nutzlos. Es musste schnell, ganz schnell wieder ein Hund einziehen. Also machte ich mich auf die Suche.

Dabei hatten wir schon oft darüber geredet, was wir uns von unserem nächsten Hund wünschen, und wir hatten bereits sehr genaue Vorstellungen. Nach den vielen Jahren mit Luzi, in denen wir aus Rücksichtnahme auf die Ohren und Nerven unserer Mitmenschen auf Urlaube und Ausflüge verzichtet und viele Spazierwege gemieden haben, weil es da erfahrungsgemäß zu viele frei laufende Dertutnixe gab und wir keine Lust auf ständige Auseinandersetzungen hatten, haben wir uns gesagt: Das war definitiv der letzte Aussie. Es sei denn, wir finden noch einmal ein Exemplar wie unsere Peppi. Aber wer gibt schon so einen Traumhund freiwillig ab? Und bei einem Welpen weiß man ja nie, was daraus wird, da war uns das Risiko zu groß, noch mal so ein durchgeknalltes Nervenbündel zu bekommen.

Es sollte ein bereits erwachsener Hund sein. Kein Welpe und auch kein Junghund, der noch den Zahnwechsel und die Pubertät vor sich hat. Am liebsten mag ich Senioren, aber ich wollte nicht zu wählerisch werden, um nicht ewig suchen zu müssen. Da wir gern auf lange Sicht nicht nur einen Hund haben wollten und uns auch so sehr nach entspannten Hundebegegnungen sehnten, sollte er sozialverträglich mit anderen Hunden sein. Und – ebenfalls im Hinblick auf eventuell noch einziehende weitere Hunde – nicht zu groß, damit die Hunde auch zu mehreren auf dem Spaziergang handelbar bleiben.

Ich klickte mich also zunächst durch die Webseiten der umliegenden Tierheime. Aber wir sind mitten in der Coronazeit, und in den Tierheimen sind freundliche Familienhunde Mangelware. Die Hunde dort hatten alle ihr Päckchen zu tragen. Und ja, ich finde auch, dass auch diese Hunde eine Chance verdient haben. Aber ich war nach fast 13 Jahren Luzi so fertig mit den Nerven, die Energie war einfach nicht mehr da. Ich wollte nur einmal was Einfaches, Freundliches, ohne explodierende Aggressionen und ohne tägliche Kreischanfälle. Ich finde, ich hab mir das auch mal verdient.

Es sollte auf jeden Fall ein Hund aus dem Tierschutz sein, und da in den Tierheimen leider nichts Passendes zu finden war, schaute ich auf den Webseiten der mir bekannten Auslandstierschutzvereine weiter. So kamen wir dann über ein paar Umwege zu unserem kleinen Marty, einem gebürtigen Rumänen. Marty war in einem rumänischen Tierheim aufgewachsen. Beim ersten Eintrag in seinem Impfpass war er neun Wochen alt. Also wurde er vermutlich als Welpe gefunden oder im Tierheim geboren. Genau weiß man das nicht. Bis zu seinem Umzug nach Deutschland Ende März 2021 hatte er nie etwas anderes als die Tierheimumgebung gesehen. Da war er eineinhalb Jahre alt. Er kam in eine norddeutsche Pflegestelle, zusammen mit einer größeren Hundegruppe, in der er das Leben in einem Haus kennen lernte.

Anfang Mai 2021, eine Woche nach Luzis Tod, durfte Marty (zu dem Zeitpunkt ein Jahr und sechs Monate jung) bei uns einziehen. Zu Beginn war es ganz schrecklich für den armen kleinen Kerl. Er war panisch und ließ sich nicht anfassen. Sobald wir nur eine Bewegung in seine Richtung machten, schrie er vor Angst. Er musste daher die ersten Tage mit Geschirr und Hausleine herumlaufen, damit wir das Ende der Leine nehmen und so zumindest ab und zu mit ihm in den Garten gehen konnten. Auch dort war alles ganz furchtbar aufregend und beängstigend für ihn. Er brauchte jedes Mal eine halbe Ewigkeit, bis er entspannt genug war, um sich zu erleichtern.

Aber Marty ist ein Hund, der ganz dringend eine Bezugsperson und Körperkontakt braucht. Und so dauerte es auch nicht lange, bis er Mut fasste. Nach drei Tagen kam er zu mir und ließ sich kraulen. Und kurz darauf konnte ich ihm dann auch endlich das Geschirr und die Leine ausziehen, sodass er sich im Haus freier bewegen konnte. Sicherheitshalber führten wir ihn zunächst noch an der Leine in den Garten, aber nach wenigen Tagen war klar, dass er keinen Ausbruchsversuch starten würde. Im Gegenteil, er war froh, dass da der Zaun war und kein Fremder zu ihm hereinkam.

Marty taute immer weiter auf. Er war meistens an meiner Seite, auch nachts schlief er von jetzt an in der offenen Hundebox neben meinem Bett. Und bald traute er sich auch zu mir aufs Sofa. Es zeigte sich, dass hinter dem verängstigten kleinen Hündchen ein lustiger, verspielter und enorm neugieriger junger Hund steckte, der im Entdeckermodus jeden Tag etwas Neues lernte und immer fröhlicher und selbstbewusster wurde.

Abends spiele ich immer mit meinen Hunden, und das wollte ich auch mit Marty. Bald fing ich mit einfachen Spielen an. Er war zunächst noch sehr skeptisch und furchtsam, aber nach zwei Tagen hatte er verstanden, dass es nur um Spaß ging. Und seitdem ist er aufgeschlossen und neugierig und geht offen auch auf ganz neue Spiele zu. Aktuell ist er gerade dabei, eines unserer Level 3 Spielzeuge zu knacken. Wirklich schlau, der Lütte.

Er ist sehr ruhig und bellt nur selten, und er hat außer Hundespielzeug auch noch nichts angekaut.

Ich habe direkt von Anfang an mit ihm das Alleinbleiben geübt. Zuerst nur ein paar Minuten, dann langsam länger. Inzwischen bleibt er problemlos bis zu drei Stunden ganz brav alleine.

Abgesehen davon, dass er nicht wusste, dass der Couchtisch nicht zum Drüberlaufen gemacht wurde (woher soll er das auch wissen?), hat er sich hier von Anfang an vorbildlich benommen. Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass das auf Anhieb so wunderbar klappte, da er ja erst ein paar Wochen zuvor zum ersten Mal ein Haus von innen gesehen hatte.

Spaziergänge liebt er über alles, auch wenn er am Anfang noch sehr vorsichtig war und sich immer neben oder hinter mir hielt. Ich habe ihm immer die Zeit gelassen, die er brauchte. Ihn lange schnüffeln, stehen und schauen lassen, damit er in seinem Tempo langsam Sicherheit findet. Im Laufe der Zeit wurde er immer selbstbewusster – oder aber er bekam immer mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten, ihn zu beschützen, das wird vermutlich eher der Grund sein – und läuft inzwischen fröhlich voran, tobt durchs hohe Gras und legt zwischendurch kurze Sprints ein. Spaziergänger, die uns entgegenkommen, waren anfangs ein großes Problem. Marty verfiel in eine Schockstarre und konnte sich nicht bewegen, bis die an uns vorbeigegangen waren. Inzwischen geht er ganz entspannt weiter. Sogar wenn ein Hund dabei ist, der ihn anpöbelt.

Ich kann es immer noch kaum glauben, wie schnell sich das alles entwickelt hat: Es hat alles in allem nur drei Monate gedauert, aus diesem kleinen Nervenbündel einen ganz normalen, fröhlichen jungen Hund zu machen. Alles, was es dafür brauchte, waren Ruhe, Entspannung und Zeit. Und eine Bezugsperson, die ihm vermittelt, dass sie ihn im Zweifelsfall beschützt. Und das sollte doch jeder Hund haben, auch wenn er keine besonderen Ängste hat.

Die einzige Baustelle, die wir noch haben, ist aktuell mein Mann. Marty akzeptiert zwar, dass er da ist, und er kann sich in seiner Gegenwart inzwischen auch einigermaßen entspannen. Aber er lässt sich von meinem Mann noch nicht anfassen. So weit geht das Vertrauen noch nicht. Auch wenn ich eher vorsichtig bin mit solchen Vermutungen, so bin ich mir bei Marty doch sehr sicher, dass er schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hat. Besonders in speziellen Situationen reagiert er sehr ängstlich. Und insbesondere leicht bekleidete Männer, in kurzen Hosen oder mit nacktem Oberkörper, lassen ihn richtig panisch werden. Jetzt im Sommer kann ich von meinem Mann leider nicht verlangen, niemals eine kurze Hose zu tragen, aber das trägt natürlich dazu bei, dass die beiden sich mit ihrer Annäherung schwer tun. Ich denke aber schon, dass Marty mit seinem fröhlichen, neugierigen Wesen auch diese letzte Hürde noch nehmen wird und bald entdeckt, wie wunderbar man mit Herrchen kuscheln und spielen kann.

Ab dem Herbst werden wir wahrscheinlich langsam nach einem passenden Zweithund Ausschau halten. Ein freundlicher Hundekumpel, der ihm Gesellschaft leistet und ab und zu mit ihm spielt, wäre für Marty sicher eine Bereicherung. Er liebt andere Hunde und hat sein Leben lang in Gruppen gelebt. Er ist so zart und sensibel, dass er es sicherlich auch kennt, gemobbt zu werden. Das wollen wir ihm natürlich keinesfalls antun. Es muss schon gut passen. Aber ich bin mir sicher, wenn wir uns bei der Suche Zeit nehmen, werden wir schon fündig.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie unser kleiner Rumäne unser Leben in Zukunft noch bereichern wird. Wir haben es keinen Moment bereut, einem Hund mit Migrationshintergrund ein Zuhause zu geben.

(Inga Jung, August 2021)

Bist du noch Hundebesitzer oder schon Hundefreund?

Wer die Einleitung zu meinem letzten Buch kennt, das im Jahr 2016 erschien, der weiß, dass ich mir schon seit Längerem Gedanken über gewisse Begrifflichkeiten mache. Ich meine insbesondere das Wort „Hundebesitzer“, oder auch „Hundehalter“.

Natürlich ist es rein rechtlich gesehen klar. Ich kaufe einen Hund, er ist mein Eigentum. Aber die Beziehung zum Hund sollte doch weit darüber hinausgehen. Ein Hund ist ein Freund, ein geliebtes Familienmitglied. Wir erwachsenen Menschen nehmen dem Hund gegenüber eine Elternrolle ein, und das ganz ohne vermenschlichen zu müssen. Denn genau dies ist die Rolle, in der unsere Familienhunde uns in aller Regel sehen.

Man könnte natürlich sagen, es ist doch egal, wie man es nennt, das hat doch nichts mit der Beziehung zum Hund zu tun. Aber das ist bedauerlicherweise oft nicht zutreffend. Worte schaffen Bilder im Kopf und Emotionen. Und es erzeugt unterschiedliche Bilder und Gefühle, je nachdem, ob ich von jemandem als mein Eigentum spreche, oder ob ich ihn einen Freund nenne.

Eigentum und Besitz sprechen wir pauschal keine Emotionen zu. Mit Eigentum kann man machen, was man will, und das ist auch in Ordnung so, weil es kein eigenes Gefühlsleben hat. Mein Sofa ist nicht traurig, wenn ich es nach einer langen Nutzungsdauer irgendwann auf den Müll werfe und mir etwas Neues kaufe.  

Bei einem Freund und Familienmitglied ist das anders. Einen Freund kann man verletzen, einen Freund muss man gut behandeln. Die Beziehung zu Freunden und Familie sollte von Liebe und gegenseitigem Respekt geprägt sein. Und unsere Hunde gehören definitiv zu dieser Gruppe, und nicht zur Ersteren.

Ich finde es sehr traurig, dass wir Menschen uns anmaßen, andere Tiere immer noch wie Gegenstände zu behandeln; zu kaufen und zu verkaufen, sie den Kindern zu Weihnachten zu schenken und dann einfach wieder wegzugeben, wenn die Familie keine Lust mehr auf sie hat. Dass wir andere Tiere für zahlreiche Zwecke missbrauchen und ihnen dafür sogar noch spezielle, ganz besonders abwertende Namen geben. Das ist kein Hund, das ist ein Versuchstier. Das ist kein Kälbchen, das ist ein Nutztier. Das ist keine Maus, das ist ein Futtertier. Das ist kein Fisch, das ist ein Köder. Damit haben wir im Handumdrehen fühlende Lebewesen zu Gegenständen gemacht, die wir nach Belieben ausbeuten und töten können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Denn es war doch schließlich nur ein Nutztier. Die Schlange im Zooladen hatte Hunger, tja, Pech für die Maus, sie ist schließlich nur ein Futtertier.

Die Gedankenlosigkeit, mit der wir hierbei vorgehen, finde ich beängstigend und abscheulich. Diese Art, Lebewesen durch eine reine Umbenennung ihre Persönlichkeit zu nehmen und sie zu einer Sache zu degradieren, erinnert  mich auf unheilvolle Weise an die Vorgänge im Dritten Reich. Damals wurden die gleichen Muster benutzt. „Lebensunwertes Leben“ war damals ein Begriff, der den Menschen suggerierte, dass man mit den Ermordeten kein Mitleid zu haben braucht. Was die Opfer darüber dachten, wurde natürlich nicht zur Sprache gebracht. Und genau so gehen wir bis heute mit den Tieren um. Genau die gleichen Mechanismen benutzen wir bis heute. Nur ist das vielen von uns gar nicht bewusst.

Dabei haben unsere Familienhunde noch Glück, denn auch wenn wir weiterhin von Hundebesitzern sprechen, werden die meisten Hunde von ihren Menschen geliebt und müssen nicht befürchten, das grausame Schicksal eines Versuchstiers oder eines Nutztiers erleiden zu müssen. Aber mir ist es wichtig, dass wir uns klar machen, was unsere Sprache in uns auslöst. Was Worte alles bewirken können. Wenn wir uns das immer wieder vor Augen führen, dann laufen wir auch nicht so schnell Gefahr, abzustumpfen und auf abwertende Worte hereinzufallen.

Die Bilder, die die Worte erzeugen, wenn man sie ausspricht, haben mich schon vor vielen Jahren davon überzeugt, dass es wichtig ist, vorsichtig damit umzugehen. Ich rede und schreibe seit Längerem auch nicht mehr von Hundebesitzern. Ich nenne sie beispielsweise Menschen mit Hund, Hundemenschen, Hundefreunde, je nach Kontext. Es erzeugt einfach eine freundlichere Grundhaltung dem Hund gegenüber, und es drückt Respekt vor dem Hund als denkende, fühlende Persönlichkeit aus.

Diesen Respekt sollten wir alle uns bewahren, um unsere Hunde Tag für Tag wirklich fair und gut zu behandeln. Sie haben es vierdient.

(Inga Jung, April 2021)

Muss man wirklich alles trainieren?

Ich weiß es: Mein Hund hat ein paar Baustellen. Insbesondere was andere Hunde angeht. Er mag sie einfach nicht, bis auf wenige Ausnahmen. Und das sagt er laut und deutlich. Wir haben uns im Laufe der Jahre daran gewöhnt und weichen, wenn immer es machbar ist, etwas aus, damit das Gezeter so kurz und schmerzlos wie möglich ausfällt. Wenn wir uns nicht in unserem Stammrevier befinden, haben wir auch manchmal Glück und es gibt gar kein Gezeter. Verlassen sollte man sich aber nicht darauf, das ist tagesabhängig.

Immer noch begegne ich Leuten, die dann meinen, mir kluge Tipps geben zu müssen. Klar, sie kennen Luzis Vorgeschichte nicht und wissen nicht, dass wir in den Anfangsjahren noch mit ganz anderen Dämonen zu kämpfen hatten und dass das, was davon jetzt noch übrig ist, im Grunde nur noch ein fader Nachgeschmack und nicht mehr der Rede wert ist. Aber es gibt sie ja immer, die Leute mit den perfekt geborenen Hunden, die meinen, sie müssten allen anderen Ratschläge geben, weil sie angeblich den Schlüssel zum engelsgleichen Hund hätten.

Am lustigsten war noch der Typ, der angesichts unseres Verschwindens ins Unterholz allen Ernstes raunte: „Niemals der Konfrontation ausweichen!!“ Das ist schon Jahre her und ich lache immer noch beim Gedanken an diesen nicht nur sinnlosen, sondern völlig absurden Tipp. Denn wenn ich meinen sozial unsicheren, impulsiven, schnell gestressten Hund, der 99 von 100 Hunden abgrundtief hasst, einfach in jede Konfrontation hineinlaufen lasse, dann habe ich nichts anderes als eine Beißerei nach der anderen und einen Hund, der sich bald völlig hysterisch in seine Ängste und Aggressionen hineinsteigert. Das hilft mir null. Aber danke vielmals für den tollen Ratschlag, ich habe herzlich gelacht.

Die Leute, die wissen, wer ich bin, sagen dann oft: „Aber du bist doch Hundetrainerin. Wenn dein Hund keine anderen Hunde mag, dann musst du das doch trainieren.“ – Ganz ehrlich: Muss ich das?

Ja, ich weiß, wie man an so einem Problem arbeitet. Ich weiß, wie das geht. Und in den ersten fünf Jahren mit Luzi habe ich es auch noch nach Kräften getan. Aber meine Kleine hat eine so abgrundtief pessimistische Grundeinstellung, dass ein einziger aufdringlicher Hund schlagartig die Erfolge von 100 gut verlaufenen Hundebegegnungen wieder kaputtmacht. Sofort sagt sie: „Siehst du, ich hab doch gewusst, dass fremde Hunde ätzend und gefährlich sind“ und geht ohne Umschweife wieder zu ihrem altbekannten Verhalten über.

Nachdem sich diese Rückschläge mehrfach wiederholt hatten, begann ich, das Problem von einer anderen Seite zu betrachten: Ich wohne in einer Gegend, in der ich vielleicht zweimal in der Woche auf dem Spaziergang einem anderen Hund begegne. Wenn mein Hund diesem Hund dann deutlich macht, dass er ihn doof findet, dann ist das für mich kein Problem, in das ich viel Zeit und Arbeit investiere. Das ist dann einfach so. Und ja, manchmal nervt es mich auch. Aber kurz darauf habe ich es dann auch schon wieder vergessen.

Es ist nicht so, dass mein Hund niemals Sozialkontakte hätte. Luzi hat einen guten Kumpel, der sie auch mag, und sie ist ein absoluter Groupie (man kann es einfach nicht anders bezeichnen) von zwei Rüden aus dem Dorf, die sie ab und zu trifft und die sie abgöttisch liebt. Aber die meisten anderen Hunde in ihrem Revier stehen auf ihrer Hass-Liste. Und das ist eine Angelegenheit, die Luzi sehr persönlich nimmt. Ich denke nicht, dass sie da viel mit sich diskutieren lässt, da ist sie ein absoluter Charakterhund. Selbst wenn ich ihr beibringen könnte, ohne Ausraster an diesen Hunden vorbeizugehen (was ich bei ihrem Temperament bezweifle), täte sie das nur zähneknirschend. Sie kennt halt ihre Pappenheimer. Und ich weiß nicht so recht, ob das ihr gegenüber fair wäre. Sie ist doch nur ehrlich, wenn sie ihre Abneigung in die Welt hinausbrüllt. Soll sie das doch meinetwegen machen, wenn es ihr gut tut.

Selbstverständlich würde ich sie niemals auf einen dieser Hunde zulaufen lassen, das sei hier nur klargestellt. Luzi ist bei Hundebegegnungen immer an der Leine, und wir weichen auch nach Möglichkeit aus. Kein Hund soll sich unnötig von ihr gestresst fühlen oder womöglich angegriffen werden. Sicherheit ist oberstes Gebot. Aber Luzi ist einfach ein Hund, der seine Emotionen lautstark äußert. Auch wenn sie sich freut, hört man das noch drei Häuser weiter. Leise war nie ihr Stil. Das ist ein Charakterzug, der sie ausmacht. Würde ich ihr das abtrainieren, dann würde ich sie verbiegen. Und ich bin mir sehr sicher, dass sie sich dann ein anderes Ventil für ihre überschießenden Emotionen suchen würde. Sie braucht das einfach.  

Luzi liebt es, am Gartenzaun zu liegen und die Straße zu beobachten. Leute ohne Hund lässt sie kommentarlos passieren. Autos, Fahrradfahrer, Reiter, Inlineskater – alles kein Problem. Aber wehe, ein Hund taucht auf, den sie in ihrem Revier nicht haben will. Dann geht natürlich das Gepöbel los.

Aber auch hier muss ich ganz ehrlich sagen: Sie versucht weder, über den Zaun zu springen, noch durch den Zaun hindurchzurennen. Sie pöbelt einfach nur. Und es muss auch keiner direkt neben dem Zaun laufen, die Hundebesitzer können mit reichlich Abstand auf der anderen Straßenseite vorbeigehen. Es besteht zu keinem Zeitpunkt irgendeine Gefahr und niemand muss sich direkt bedroht fühlen. Von daher: So what? Lasst sie doch pöbeln, wie sie lustig ist.

Früher hatte ich noch den Anspruch, das alles zu unterbinden, zu trainieren und zu optimieren. Inzwischen bin ich etwas anders davor. Es ist schlicht und einfach ganz normales Hundeverhalten. Und solange es niemanden gefährdet oder beeinträchtigt, ist es doch auch kein Problem. In der Stadt sähe das vermutlich anders aus, aber hier auf dem Land, wo vielleicht dreimal am Tag ein Hund an unserem Grundstück vorbeiläuft, ist es doch nun echt kein Drama. Ich denke, ein bisschen mehr Toleranz und Lockerheit täte vielen Hundebesitzern durchaus gut. Natürlich immer mit der Einschränkung, dass der eigene Hund mit seinem Verhalten niemanden belästigt, bedroht oder irgendwie dessen individuelle Freiheit einschränkt.

Sicher hätte ich manchmal gern meine liebe, süße Peppi zurück, die alle Menschen und alle Tiere liebte und immer nur Harmonie, Liebe, Spaß und Spiel gesucht hat. Sie war wirklich ein außergewöhnlicher Hund, so feinfühlig und freundlich zu allen, dass ich mich oft gefragt habe, wo sie diese Engelsgeduld hernimmt. Aber Luzi ist eben anders und ich bin der Ansicht, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung auch ihr zusteht. Und solange wir gut aufpassen, dass sie mit ihrer überschießenden Art niemandem wehtut, ist das doch okay. Man muss nicht alles trainieren. Leben und leben lassen.

Inga Jung (Juni 2020)

Buchtipp: „Hund auf Rezept“

Dass die Anwesenheit eines Hundes sich gut anfühlt, beruhigt, Sorgen unwichtig erscheinen lässt und einem über Schicksalsschläge hinweghilft wie kein Mensch es jemals könnte, das muss man Hundemenschen nicht erst erzählen – sie wissen es längst.

Wissenschaft arbeitet aber nicht mit Bauchgefühl, sondern mit Fakten. Daher braucht es ein Buch wie dieses, um auch die Skeptiker zu überzeugen.

Dr. Milena Penkowa hat für ihr Buch „Hund auf Rezept. Warum Hunde gesund für uns sind“ zahlreiche wissenschaftliche Studien aus aller Welt durchsucht und eine Unmenge an Daten und Fakten zusammengetragen, die mit wissenschaftlichen Methoden nachweisbar belegen, dass Hunde nicht nur gut für uns sind. Sie können tatsächlich durch Stärkung unseres Immunsystems Krankheiten verhindern und durch die Aktivierung wohltuender Hormone bereits vorhandene Krankheitssymptome lindern.

Es ist allgemein bekannt, dass Hunde Krebs erschnüffeln, epileptische Anfälle vorausahnen und eine drohende Unterzuckerung bei Diabetikern zuverlässig anzeigen können. Als Assistenzhunde sind sie bereits in vielen Bereichen unverzichtbar. Auch in der Betreuung von Kindern mit Lern- bzw. Leseschwächen wurde das Potenzial von Hunden als Begleiter anerkannt und immer mehr Büros lassen Hunde zu, weil entdeckt wurde, dass die Mitarbeiter in Anwesenheit eines Hundes ausgeruhter, entspannter und freundlicher sind. Hunde haben eine unglaubliche Gabe, beim Menschen Stress zu reduzieren und ihm ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Warum das so ist und dass es sich dabei keineswegs um Einbildung oder eine subjektive Empfindung handelt, das ist unter anderem das Thema dieses Buches.

Dr. Penkowa nimmt zudem verschiedene schwere Krankheitsbilder wie Alzheimer/Demenz, Krebs und Parkinson unter die Lupe und zählt Studien auf, die nachweisen, dass allein eine kurze Interaktion mit einem Hund bei diesen schwer kranken Menschen den Medikamentenbedarf über mehrere Tage hinweg reduziert und bei den Patienten dauerhaft zu mehr Wohlbefinden führt.

Dass es nicht häufiger in Krankenhäusern zu Hundebesuchen kommt, ist meist den strengen Hygienevorschriften dieser Einrichtungen geschuldet. Doch auch dazu hat Dr. Penkowa eine Reihe von Untersuchungen parat, die belegen, dass der Besuch eines gesunden, geimpften und entwurmten Hundes selbst bei stark immungeschwächten Patienten keinerlei Gefahren mit sich bringt.

Wenn man sich hingegen überlegt, wie viele Patienten sich pro Jahr im Krankenhaus ganz ohne Hundebesuch mit multiresistenten Keimen anstecken und daran teilweise sogar sterben, dann wirken solche Hygienebedenken geradezu grotesk lächerlich. Da hätte ich schon eher Angst davor, dass der Hund sich im Krankenhaus so einen Keim einfängt.  

Womit wir auch schon bei meinem einzigen Kritikpunkt an diesem ansonsten wirklich großartigen Buch wären: Es dreht sich hier in erster Linie um Menschen und darum, wie Hunde uns helfen können. Doch gerade wenn wir den Hund so zu unserem eigenen Vorteil ausnutzen, dann wäre es nur allzu fair, sich mindestens genauso viele Gedanken darum zu machen, wie es dem Hund dabei geht.

Inklusive Literaturhinweise hat das Buch 186 Seiten. Und erst auf Seite 156, noch hinter den Angaben über die besprochenen wissenschaftlichen Methoden, kommt endlich ein kleines Kapitelchen zum Thema Wohlergehen des Hundes. Das finde ich wirklich enttäuschend. Wie viele Leute gibt es wohl, die gar nicht mehr bis dorthin lesen? Ich hätte mir dieses Kapitel ganz am Anfang an prominenter Stelle gewünscht, mit weiteren Hinweisen dazu im Text.

Denn im gesamten vorigen Buch liest es sich oft so, als müsse sich jeder Patient nur einen Hund anschaffen, und schon geht es ihm besser. Das mag auch so sein, dennoch wäre es völlig verantwortungslos, wenn sich ein depressiver Mensch, der sich an manchen Tagen nicht einmal um sich selbst kümmern kann, einen Hund anschafft, der dann womöglich völlig vernachlässigt wird. Oder ein Mensch, der aufgrund seiner fortschreitenden körperlichen Erkrankung schon weiß, dass er sich in wenigen Jahren nicht mehr um einen Hund kümmern kann. Was passiert dann mit dem Vierbeiner? Und wie sieht es mit den Finanzen aus? Kranke Menschen sind oft auch nicht mehr arbeitsfähig. Haben sie auch genug Geld, um sich dauerhaft um einen Hund zu kümmern, auch wenn der mal krank wird und hohe Tierarztkosten anfallen?

Ich sah neulich eine Dokumentation über die Tiertafel, wo genau solche Fälle mehrfach aufschlugen. Die Tiertafeln kümmern sich um die Versorgung von Tieren, deren Menschen in Not geraten sind. Aber Voraussetzung ist hier, dass das Tier schon vorher da war. Wenn sich jemand, der kein Geld hat, einen Hund anschafft, dann bekommt er auch keine Unterstützung. Ein Hund ist nun mal teuer, und darüber muss man sich vor der Anschaffung Gedanken machen. Hier war es aber tatsächlich so, dass mehrere Menschen zur Tiertafel kamen, denen ihr Arzt empfohlen hatte, dass sie sich wegen ihrer psychischen Probleme einen Hund anschaffen. Gegen die psychischen Probleme hat der Hund zunächst auch geholfen, aber als dann klar wurde, dass seine Versorgung Geld kostet, hatte der Mensch gleich wieder ein neues Problem.

Hier würde ich mir auch in diesem Buch, das vermutlich viele Menschen lesen, die im sozialen oder medizinischen Bereich tätig sind, ausdrückliche Hinweise wünschen, damit solche Empfehlungen nicht leichtfertig ausgesprochen werden. Was nützt es dem Menschen, wenn er sich nun immer Sorgen darüber machen muss, wie er seinen Hund durchfüttern soll? Das macht ihn auf Dauer auch nicht glücklich.

Ebenso fehlt mir der deutliche Hinweis darauf, dass Eltern die volle Verantwortung für das lebenslange Wohlergehen eines Hundes tragen, der für das kranke Kind angeschafft wurde. Und zwar an einer frühen Stelle des Buches und nicht irgendwo am Ende. Ein Hund ist kein Kuscheltier, das man aus einer Laune heraus anschafft und nur dann zum Spielen hervorholt, wenn man gerade Lust darauf hat.

Rücksichtnahme auf den Hund und Erholungspausen mit Spiel und Spaß sind enorm wichtig, gerade wenn es dem Menschen nicht gut geht. Ich kenne Hunde, die so sensibel und empathisch waren, dass sie monatelang traurig neben ihrem krebskranken Menschen saßen, bis sie schließlich selbst voller Tumore waren. Ebenso gibt es zahlreiche Hunde, die die Depression ihres Menschen nicht ertragen haben und selbst depressiv wurden. Zu viel Einfühlungsvermögen kann auch einen Hund krank machen. Dann ist er wiederum derjenige, der Hilfe braucht.

Wir dürfen bei allen Vorteilen, die die Gesellschaft eines Hundes uns bietet, niemals vergessen, dass wir es mit einem fühlenden Lebewesen zu tun haben, das ebenso das Bedürfnis nach einer guten Lebensqualität hat, wie wir.

 (Inga Jung, Februar 2019)

Buchtipp: „Anti-Giftköder-Training“

Jeder kennt diese Situation: Da hat man noch so gut und geduldig das Ausgeben und Tauschen mit seinem Hund trainiert, und in einer ruhigen Situation klappt das auch ganz wunderbar. Aber wenn der Hund auf dem Spaziergang plötzlich etwas unfassbar Ekliges im Maul hat, dann ist das etwas ganz Anderes. Auf einmal rennt man hysterisch „Aus!“ kreischend auf den Hund zu – und was macht der natürlich? Klar, vor lauter Schreck vergisst er alles Training, bringt sich schnell mit seinem Leckerbissen in Sicherheit und schluckt ihn herunter.

In so einem Moment wird jedem Hundemenschen klar, dass ihm und seinem Hund noch etwas fehlt, nämlich ein vernünftiges Training, um solchen Situationen vorzubeugen. Damit Hasso sein ekelhaftes Fundstück gar nicht erst ins Maul nimmt, sondern schon vorher stoppt und anzeigt, dass da etwas liegt. Wäre das nicht ein Traum? Absolut! Und er ist gar nicht so unerreichbar, wie man denken mag.

Das Buch „Anti-Giftköder-Training. Übungsprogramm für Staubsauger-Hunde“ hält, was es verspricht. Viel gehört hatte ich bereits von diesem Buch. Nun wollte ich es auch selbst einmal lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Sonja Meiburg zeigt in diesem Buch genau auf, wie man Schritt für Schritt vorgeht, um den Traum von dem Hund, der sich vor dem auf der Straße gefundenen Wurstbrot brav hinsetzt, ohne es anzurühren, zu verwirklichen. Und das ganz ohne Zwang und voller Begeisterung.

Natürlich geht das nicht über Nacht und schon gar nicht ohne Arbeit, das sollte jedem klar sein. Aber gerade für Hunde, die in Gegenden leben, in denen öfter Giftköder ausgelegt werden, kann dieses Training lebenswichtig sein. Ebenso für Futtermittelallergiker. Und empfehlenswert ist es im Grunde für jeden, denn nicht alles, was Fiffi auf der Straße und im Wald findet, ist auch gut für ihn.

Ich kann Sonja nur zu diesem wunderbaren Buch gratulieren. Es ist ein Trainings-Leitfaden, in dem man jeden Tag noch mal nachblättern und dem man in seinem eigenen Tempo folgen kann. Einen zusätzlichen Trainer braucht man eigentlich nur, wenn man sich mit dem richtigen Timing nicht sicher ist, denn das ist natürlich das A und O, damit der Hund begreift, was man von ihm möchte.

Ansonsten kann ich nur sagen: Viel Spaß beim Anti-Giftköder-Training. Und immer schön üben, üben, üben!

(Inga Jung, Oktober 2018)

 

 

„Du bist zu nett zu deinem Hund“

Wenn ich sehe, dass Menschen ihren Hund scharf zurechtweisen, spreche ich sie darauf an und bekomme dann hin und wieder zu hören, dass Hundetrainer ihnen gesagt haben, sie seien „zu nett“ zu ihrem Hund. Sie versuchen diesen „Makel“ dann zu beseitigen, indem sie besonders unfreundlich und streng mit ihrem Hund umgehen.

Wieder einmal finde ich es unfassbar, was Hundetrainer mit ihren Bemerkungen so alles anrichten können, und mindestens ebenso unglaublich finde ich es, dass Menschen diesen Ratschlägen völlig gedankenlos und ohne Emotionen folgen, anstatt auf ihr Bauchgefühl zu achten.

Dabei ist so ein Spruch einfach nur unsinnig. Man kann überhaupt nicht zu nett zu seinem Hund sein. Hunde sind großartig, aufrichtig und liebenswert. Jeder Hund – selbst ein Hund wie meine verrückte Luzi, die mir regelmäßig mit ihren lautstarken Gefühlsausbrüchen den letzten Nerv raubt – hat es verdient, immer und jederzeit von seinem Menschen nett behandelt zu werden.

Was vermutlich mit dem Satz gemeint ist, ist etwas ganz anderes, nämlich „du bist nicht konsequent“. Das ist aber überhaupt nicht miteinander vergleichbar.

Inkonsequentes Handeln verwirrt Hunde. Ist etwas heute erlaubt, morgen verboten und übermorgen wird der Hund sogar aktiv dazu aufgefordert, dann folgert der Hund daraus, dass sein Mensch offenbar selbst nicht weiß, was er will. Und dann macht der Hund eben das, was er selbst möchte. Das ist in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Übrigen nicht anders. Das weiß ich sehr genau, denn ich war auch so ein Kind.

Mangelnde Freundlichkeit hingegen zerstört einfach nur die Vertrauensbasis zwischen Mensch und Hund. Nichts weiter. Ruppige Behandlung schafft Unsicherheiten und ein emotionales Ungleichgewicht. Das Einzige, was man damit erreicht, ist ein unglücklicher Hund. Und auch das kann man auf das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern problemlos übertragen.

Konsequent und gleichzeitig nett zu sein ist gar nicht schwer. Ich muss nur gewisse Regeln aufstellen und mich dann in erster Linie selbst daran halten. Nehmen wir mal ein Beispiel: Mein Hund soll nicht mit ins Bett. Nun bin ich aber krank oder mein Partner ist für ein paar Wochen nicht da, ich liege im Bett und fühle mich elend und einsam. Mein Hund sitzt vor mir und schaut mich an. Was mache ich? Na klar, ich hole meinen Hund zu mir ins Bett und wir kuscheln.

Das kann man machen, solange man sich der Tatsache bewusst ist, dass man in dem Moment seine eigene Regel gebrochen hat und von seinem Hund keinesfalls erwarten darf, dass er von nun an nie wieder ins Bett möchte. Dem Hund ist es natürlich völlig egal, dass in zwei Wochen sein Mensch wieder gesund ist und dessen Partner wieder seinen Platz im Bett beansprucht. Der Hund sieht nur, dass diese bisher immer aktive Regel nun aufgehoben wurde.

Konsequent zu sein bedeutet also in erster Linie, sich selbst im Blick zu haben und sich seiner eigenen Taten bewusst zu sein. Wenn ich dies jetzt tue, dann fasst mein Hund das soundso auf. Möchte ich das? Kann ich damit leben, dass sich unser Zusammenleben dadurch ändert und in Zukunft andere Regeln gelten? Oder möchte ich das nicht? Dann sollte ich mich nun tunlichst zusammenreißen und diese Regel nicht brechen.

Hunde sind sehr konsequent. Sie sind kooperativ und halten sich an einmal gelernte Regeln. Das ist eine wichtige Basis für ein stressfreies Zusammenleben im sozialen Verband. Aber im Gegenzug müssen wir fair sein und uns ebenso daran halten. Wenn wir die Regeln auflockern, dann dürfen wir von unseren Hunden nicht erwarten, dass sie sie weiterhin einhalten. Gleiches Recht für alle. So läuft das in einer Familie.

Und selbstverständlich funktioniert auch das Erlernen der Regeln ganz wunderbar mit viel Lob, Spiel und Spaß. Strafe ist gar nicht notwendig, denn jeder Hund, der neu in einen Haushalt kommt, versucht als Erstes herauszufinden, welche Regeln hier gelten. Er will und muss das wissen, damit er sich richtig verhalten und sich gut in die Familie einfügen kann. Wenn wir ihm auf liebevolle Weise beibringen, wie das Zusammenleben mit uns funktioniert, dann stärken wir gleichzeitig die wichtigste Basis für Alltag, Spiel und Training: Vertrauen.

Und jederzeit nett zu seinem Hund zu sein, das gehört selbstverständlich dazu.

(Inga Jung, Mai 2018)

 

 

 

 

Altenpflege, gute Laune und Leckerlis

Nun ist es schon März und ich sehe, dass ich seit Dezember kein Update für den Blog mehr geschrieben habe. Das hat einen ganz einfachen Grund: Mir fehlt die Zeit.

Meine alte Hündin Peppi ist inzwischen 14 Jahre alt geworden. Das ist ein wunderbares Geschenk. Ich habe viel Ahnenforschung betrieben und versucht, einiges über Peppis Verwandtschaft herauszubekommen. Leider sind sehr viele ihrer Verwandten nicht besonders alt geworden. Krebs, Herzprobleme und Epilepsie haben sie teilweise schon in recht jungen Jahren dahingerafft. Kaum ein Hund ist älter als 12 Jahre geworden.

Von Epilepsie sind Peppi und ihre Wurfgeschwister zum Glück verschont geblieben, in der Hinsicht war die Kombination ihrer Eltern eine gute Wahl. Aber das Herz und der Krebs sind auch bei ihnen eine ständige Bedrohung. Ihre Mutter starb mit 12 Jahren, ihr Vater wurde nicht ganz so alt, zwei ihrer Wurfgeschwister starben mit 11 Jahren, ihr Großvater mit 9 Jahren … und immer entweder das Herz oder der Krebs. Ich hatte daher nie zu hoffen gewagt, dass Peppi mehr als 12 Jahre schafft. Und jetzt ist sie 14.

Es waren allerdings keine 14 Jahre ohne Krankheiten. Wir haben schon ein paar lebensbedrohliche Situationen hinter uns, aber Peppi hat sich immer wieder durchgebissen und es geschafft, sich wieder aufzurappeln.

Inzwischen komme ich mir aber schon vor wie eine Altenpflegerin in Vollzeit. Mein Hund bekommt so viele Medikamente und Futterzusätze, dass ich schon überlegt habe, von drei auf vier Mahlzeiten aufzustocken, nur um die ganzen Mittelchen unterbringen zu können. Von den Kosten, die dafür monatlich anfallen, reden wir mal nicht.

Herz, Lunge, Nieren und Bauchspeicheldrüse arbeiten ohne Unterstützung nicht mehr ausreichend mit. Die Milz ist vergrößert, die Leber angegriffen … das gesamte System lässt langsam nach.

Stubenreinheit ist nicht mehr wirklich vorhanden, und beim Trinken wird der halbe Inhalt des Wassernapfes im Raum verteilt. Und wegen der Entwässerungstabletten trinkt Peppi andauernd. Es ist schon fast ein Vollzeitjob, hinter ihr her zu putzen.

Da ihr immer die Beine wegrutschen, wenn sie aus Näpfen frisst oder trinkt, die auf dem Boden stehen, haben wir die Wassernäpfe erhöht aufgestellt. Den Futternapf halte ich fest, während sie frisst. Das ist etwas zeitaufwändig, aber so kann ich zumindest direkt sehen, ob sie mit Appetit frisst, oder ob sie irgendwelche Probleme hat. Futterverweigerung ist bei ihr das Alarmzeichen Nummer eins.

Wegen ihrer Blindheit und Taubheit müssen wir immer aufpassen, dass nichts im Weg steht. Vor allem auf dem Spaziergang ist große Aufmerksamkeit geboten. Man muss sie um Mauern, Autos, Mülltonnen und tiefhängende Äste herumlenken, damit sie nicht dagegen läuft. Gräben, Löcher in der Wiese, Maulwurfshügel, Grasbüschel oder Treckerspuren im Acker sind gefährliche Hindernisse. Man muss immer ein paar Schritte vorausdenken, damit nichts passiert. Trotzdem stolpert Peppi oft, und manchmal fällt sie hin.

Doch es ist absolut bewundernswert, wie sie sich nach solchen Rückschlägen immer wieder aufrappelt und ihre positive Lebenseinstellung zurückgewinnt. Ein Leckerli als Trostpflaster reicht, und schon ist alles wieder in Ordnung. Sie hat so viel Freude am Leben und Spaß an der Freude, sie lässt sich einfach nicht unterkriegen. Nie wird gejammert. Sie nimmt ihre Einschränkungen einfach so hin und macht das Beste draus. Jeden Tag aufs Neue.

Abends besteht sie auf ihrer Leckerlisuche. Da ist sie inzwischen auch sehr eingefahren. Während sie sich früher immer gefreut hat, wenn wir unterschiedliche Spiele gespielt haben, verwirrt sie das heute nur noch. Sie will Leckerlis suchen, und basta. Und wenn ich keine Leckerlis auslege oder ihr nicht schnell genug bin, dann fängt sie einfach so schon mal an zu suchen.

Im Alter hat Peppi, die sich früher niemals durchgesetzt und immer brav alles akzeptiert hat, einen eisernen Willen entwickelt. Wenn ihr etwas nicht passt, dann zappelt sie so lange herum, bis sie sich durchgesetzt hat. Bürsten zum Beispiel, oder Pfoten abtrocknen. Oder sich streicheln oder vom Tierarzt untersuchen lassen. Das mag sie nicht, und das macht sie auch deutlich, indem sie demonstrativ wegläuft oder herumbockt wie ein kleines Rodeopony. Sie weiß genau, was sie will. Und das versucht sie auch durchzusetzen.

Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Aber ich bin auch froh, dass sie so einen eisernen Willen hat, denn das zeigt mir, dass es ihr gut geht. Ich habe sie während ihrer schlimmen Krankheiten erlebt, z.B. bei der Bauchspeicheldrüsenentzündung. Da war sie vor lauter Schmerzen so willenlos und hat kaum reagiert. Als es ihr besser ging und sie wieder anfing, deutlich zu machen, dass sie keine Lust auf die Tierarztpraxis hatte, war ich heilfroh.

Beim Tierarzt bin ich – mal mit, mal ohne Hund – natürlich inzwischen Dauergast. Allein zum regelmäßigen Abholen von Medikamenten und Behältern für Kot- und Urinproben.

Und Peppi ist natürlich nicht mein einziger Hund. Wir haben ja auch noch Luzi, und die ist alles andere als pflegeleicht. Gesundheitlich ist sie zwar besser aufgestellt, aber ihre Verhaltensauffälligkeiten sind immer noch ziemlich nervenaufreibend. Vor allem jetzt, in der Zeit zwischen Januar und März, die besonders anstrengend ist.

Ich bitte also um Verzeihung, wenn hier immer mal wieder ein paar Monate Funkstille einkehrt. Es gibt im Altenpflege-Alltag auch nicht so wahnsinnig viel zu berichten, was einen Blog-Artikel füllen würde. Es sind mehr die Kleinigkeiten, die den Tag bereichern.

Für mich hat meine Peppi jedenfalls die oberste Priorität, und alles andere kann warten. Ich beobachte sie jeden Tag. Wenn es ihr schlecht geht, leide ich mit ihr. Wenn sie gut drauf ist, hopsen wir zusammen durch die Gegend und ich freue mich über ihren unbändigen Lebenswillen. Sie hat noch immer so viel Spaß am Spielen und man kann ihr mit einem einfachen Stückchen Trockenfutter eine so große Freude machen …

Es ist wundervoll zu sehen, wie einfach Glück doch sein kann. Wir Menschen wollen immer die großen Dinge, die großen Gesten, Feuerwerk und Diamanten. Aber das ist doch alles egal.

Keine Schmerzen, eine ordentliche Portion Optimismus und Vertrauen, gute Laune und Leckerlis – das ist es, was man wirklich braucht. Das lehrt mich mein Hund jeden Tag.

(Inga Jung, März 2018)

 

 

„Protestpinkeln“

Ich bekomme hin und wieder Anrufe von Menschen, deren Hund unsauber ist. Die Hunde setzen Kot oder Urin ausschließlich oder ab und zu in der Wohnung ab – manchmal sogar auf dem Sofa oder dem Bett der Bezugsperson.

Sehr schnell heißt es dann aus dem Bekanntenkreis und – was ich persönlich besonders erschreckend finde – sogar aus dem Mund des behandelnden Tierarztes, der es eigentlich besser wissen sollte: „Das macht der Hund aus Protest, er ist aufmüpfig, er will euch heimzahlen, dass ihr ihn für eine Stunde allein gelassen habt …“

Dies aber ist eine absolut menschliche Sichtweise. Nur Primaten, die wir alle schließlich sind, kommen auf die Idee, aus Protest irgendwo Kot abzusetzen – die Steigerung dessen wäre noch, damit zu werfen, was einige unserer Verwandten in Zoos manchmal auch tun.

Nein, lösen wir uns von diesem menschlichen Denken und versetzen wir uns in die Psyche des Hundes. Einem Hund ist es grundsätzlich zuwider, seinen engeren Lebensraum zu verschmutzen. Wenn er es irgendwie vermeiden kann, wird ein Hund nicht die eigene Wohnung verunreinigen. Viele Hunde nutzen dafür noch nicht einmal den eigenen Garten, selbst wenn der Besitzer dies gern hätte, weil sie das als unhygienisch empfinden. Hunde sind sehr darauf bedacht, vor allem ihren Kot an Stellen zu platzieren, die nicht zum Wohnbereich gehören. Es sei denn, sie können nicht anders.

Das heißt: Wenn wir einen Hund vor uns haben, der die Wohnung beschmutzt, dann müssen wir uns nicht fragen, wen er damit ärgern will, sondern wir müssen uns fragen, warum er nicht anders kann.

Als Erstes heißt es hier, organische Ursachen auszuschließen. Denn wenn ein Hund inkontinent ist, kann er den Urin einfach nicht halten und wird diesen überall in der Wohnung verlieren. Da hilft das beste Training nichts. Es gibt auch Erkrankungen, die die Funktionalität des Schließmuskels einschränken, in dem Fall wird der Hund unkontrolliert Kot verlieren. Hat man dann einen Tierarzt wie den oben erwähnten, der einen grinsend mit dem Hinweis auf „Protestkacken“ wieder nach Hause schickt (alles schon bei Kunden erlebt), dann gibt es nur eines, was man tun kann: dringend den Tierarztwechseln!

Sind organische Ursachen ausgeschlossen, dann müssen wir uns die Psyche des Hundes ansehen. Viele Hunde, die unsauber sind, haben Angst, sich draußen zu erleichtern. Oder sie sind draußen zu aufgeregt und abgelenkt. Oder beides.

Vor allem wenn der Hund sich auf dem Bett oder dem Lieblingsplatz seiner Bezugsperson erleichtert, ist das ein starkes Indiz dafür, dass er nach Sicherheit und Geborgenheit sucht. Das ist ein Hilferuf und muss von uns als solcher erkannt werden.

Denn man muss sich vor Augen halten, dass ein Hund gerade im Moment des Kotabsetzens sehr angreifbar ist. Daher wird er das nur tun, wenn er sich sicher fühlt. Viele Hunde, die aus schlechten Verhältnissen stammen, zeigen diese Probleme. Ist ein geschlossener Garten vorhanden, gehen sie meist dorthin. Ist dies aber nicht der Fall, dann fühlen sie sich gezwungen, dies in der Wohnung zu erledigen. Auch für die Hunde ist dies sehr belastend, denn sie möchten eigentlich nicht ihren Wohnbereich verschmutzen. Strafe wäre absolut unangebracht und kontraproduktiv. Stattdessen gilt es herauszufinden, warum der Hund sein Geschäft nicht draußen erledigen kann, und ihm zu helfen.

Und als Letztes gibt es natürlich noch den Rüden, der in der Nachbarschaft von läufigen Hündinnen umgeben ist und so von Hormonen überquillt, dass er anfängt, in der Wohnung zu markieren. Auch das kommt selbstverständlich vor.

Ebenso ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Rüde, der die Wohnung einer Hündin betritt, dort markiert. Oder eine ältere Hündin, die die Wohnung einer jüngeren Hündin betritt.

Das Markierverhalten fällt allerdings nicht in den Bereich Unsauberkeit, sondern das ist Normalverhalten, welches man durch ein bisschen eigene Aufmerksamkeit gut in den Griff bekommt.

(Inga Jung, verfasst Ende November 2013)