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Angst kann man sich nicht einfach abgewöhnen

Unser kleiner Marty hat sich zu einem lustigen jungen Hund entwickelt, der die meiste Zeit fröhlich und ausgeglichen ist. Er liebt Spaziergänge über alles, ist neugierig und offen, erkundet fremde Gegenstände und schnuppert gespannt den Wildspuren hinterher. Er legt für sein Leben gerne kurze Sprints ein, ist übermütig und lebensfroh.

Aber er hat immer noch große Angst vor fremden Menschen. Vor allem vor Männern. Vor Männern, die ein bestimmtes Aussehen haben. Vor fremden Menschen, die Interesse an ihm zeigen und ihn ansprechen. Und ganz besonders vor Besuchern hier in seinem sicheren Zuhause.

Unser Haus ist Marty Wohlfühlort, sein Rückzugsort. Hier kann er schlafen und sich entspannen. Hier kann er sich rekeln und sich den Bauch kraulen lassen. Wenn an diesen sicheren Ort plötzlich ein Besucher kommt, gerät Martys Welt ins Ungleichgewicht. Das Konzept „Besuch“ ist einem Hund wie Marty fremd. Er hat den Menschen schließlich nicht eingeladen, das waren wir. Wir haben einfach so beschlossen, dass der unser Haus betreten darf, und Marty kann nichts dagegen tun. Er ist dem völlig ausgeliefert.

Für einen Hund, der Angst vor Menschen hat, fühlt sich Besuch ähnlich an, wie es sich für uns anfühlt, wenn auf einmal ein Einbrecher mit gezogenem Messer im Raum steht. Der Hund fühlt sich bedroht, ausgeliefert, machtlos, in die Ecke gedrängt. Das Haus, das zuvor sein sicherer Rückzugsort war, wird auf einmal zur Falle, aus der es kein Entkommen gibt. Die Angst übernimmt die Kontrolle. Es ist kein Wunder, dass es in so einer Situation immer mal wieder zu Beißunfällen kommt.

Nun haben wir einen Kumpel, der uns seit einiger Zeit fast wöchentlich besucht. Wenn Marty nur seine Stimme hört, flippt er schon aus, weil er genau weiß, dass der bei uns ins Haus kommt. Und das ist für Marty der absolute Horror.

Um ihm den Stress möglichst zu nehmen, bleibt Marty während der Zeit, in der der Besuch bei uns ist, in meinem Arbeitszimmer. Dort hält er sich sehr gern auf. Er hat da sein Hundebett und einen Wassernapf, ein Kindergittter sorgt für Sicherheit, zusätzlich kann man natürlich auch die Tür schließen, und das Arbeitszimmer liegt in einer „Sackgasse“ unseres Flures, so dass dort niemand vorbeigeht. So kann Marty relativ ruhig und vor allem sicher abwarten, bis der Besuch wieder weg ist. Und wenn ich an dem Tag arbeiten muss, bin ich auch die ganze Zeit bei ihm. Das ist dann natürlich optimal für ihn.

Neulich machte unser Kumpel, dem es natürlich leidtut, dass Marty immer so einen Stress mit seinem Besuch hat, einen Vorschlag. Er fragte, ob Marty schon an einen Maulkorb gewöhnt sei. Denn dann könnte ich Marty doch einfach den Maulkorb aufsetzen und ihn im Haus laufen lassen. Er hatte nämlich, bevor wir das Kindergitter eingebaut hatten, schon die Erfahrung gemacht, dass Marty Scheinangriffe gegen ihn gestartet hatte, wenn er sich in der Nähe des Arbeitszimmers bewegte. Gebissen werden wollte er auf keinen Fall, aber mit dem Maulkorb war die Gefahr aus seiner Sicht gebannt und somit alles in Ordnung. Und er dachte, dann werde sich Marty schon an seine Anwesenheit gewöhnen und merken, dass ihm nichts getan wird.

Ich lachte, weil ich das für einen Witz hielt. Doch an seiner Reaktion merkte ich, dass er es durchaus ernst gemeint hatte, und das brachte mich zum Nachdenken, ob nicht ein Blog-Beitrag zu dem Thema angebracht wäre. Besagter Kumpel hat nämlich auch schon sein ganzes Leben lang Hunde und ist kein Neuling auf dem Gebiet. Dass er sich nicht vorstellen konnte, dass so ein Vorschlag im Grunde eine Anleitung zum Thema „Wie zerstöre ich möglichst schnell das Vertrauen meines Hundes“ ist, machte mich nachdenklich.

Warum bin ich dieser Meinung? Nun, ganz einfach. Die Zähne sind die einzige Waffe, die Marty gegen den Angstauslöser hat. Erinnern wir uns nur einmal an das Bild des Einbrechers, der mit gezogenem Messer vor uns steht. Haben wir selbst eine Waffe (und sei es nur die Bratpfanne), dann fühlen wir uns nicht ganz wehrlos. Wir haben vielleicht noch die Möglichkeit, den Eindringling mit viel Gebrüll aus dem Haus zu jagen. Sind hingegen unsere Hände gefesselt, dann ist das eine ganz andere Situation. Wir haben keine Möglichkeit mehr, dem Einbrecher irgendetwas entgegenzusetzen. Unsere Angst steigert sich ins Unermessliche.

Ich würde also, diesem Vorschlag folgend, Marty seine einzige Möglichkeit der Verteidigung nehmen. Das allein wäre vielleicht noch nicht dramatisch, wenn ich ihm trotzdem weiter beistehen würde. Aber das tue ich nicht. Ich setze ihn der bedrohlichen Situation aus und sage, so, jetzt sieh zu, wie du klarkommst. Arrangiere dich mit der Situation, eine andere Möglichkeit hast du nicht. Dein Rückzugsraum bietet dir keinen Schutz mehr, alle Türen im Haus sind offen, und der Besucher bewegt sich frei im Haus. Du kannst nichts dagegen tun, und weglaufen kannst du auch nicht. Und ich helfe dir nicht.

Was glaubt ihr wohl, was passieren wird? Wird Marty durch so eine Maßnahme seine Angst verlieren? Wird er merken, dass ihm nichts passiert, und sich an den Besucher gewöhnen?

Viel wahrscheinlicher ist doch, dass sich seine Angst ins Unermessliche steigert. Entweder wird er diesen Menschen, der ihm jetzt so bedrohlich erscheint, sein Leben lang als höchst gefährlich einstufen und bei der ersten Gelegenheit doch wieder angreifen. Oder er wird in die erlernte Hilflosigkeit fallen und sich seinem Schicksal ergeben, weil er weiß, dass es aus der Situation kein Entkommen gibt. Aber die Angst wird so oder so bleiben. Vor allem bei einem Hund, der so sensibel ist wie Marty und der ganz offensichtlich in seiner Jugendzeit traumatische Erlebnisse mit Männern hatte.

Aber soll Marty jetzt sein Leben lang im Arbeitszimmer bleiben, wenn Besuch da ist?  – Nein, das ist natürlich nicht gesagt.

Das Problem ist, dass die meisten Menschen einfach keine Geduld haben. Sie wollen Erfolge, und sie wollen sie schnell. Aber das Verändern von Gefühlen ist nun mal etwas, das nicht von heute auf morgen passiert. Das braucht Zeit und ein ganz langsames, schrittweises Vorgehen. Traumatisierte Menschen sind in der Regel viele Jahre lang in Therapie und brauchen sehr, sehr lang, bis sie sich den einschneidenden Erfahrungen in ihrer Vergangenheit überhaupt stellen können. Und ein traumatisierter Hund, der noch viel weniger zur Selbstreflexion fähig ist als ein Mensch, der soll das von heute auf morgen können? Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?

Ich treffe häufig auf dem Spaziergang Männer, die Marty niedlich finden und ihn zu sich locken wollen. Wenn ich dann sage, dass er nicht zu ihnen gehen wird, weil er Angst hat, scheint das unerklärlicherweise bei vielen einen plötzlichen Ehrgeiz zu wecken. Da kommen dann Sprüche wie: „Ha, das ist eine Sache von fünf Minuten. Ich bring dann mal Futter mit, und dann kommt der sofort.“ Ja, sicher. Träum weiter.

Was ist das für eine Profilierungssucht, die viele Männer haben? Gibt ihnen das einen Kick, wenn sie von sich behaupten, sie seien die Hundeflüsterer, die den ängstlichen Hosenschisser aus Rumänien bekehrt haben? Das sind wohlgemerkt wildfremde Leute, die ich vorher noch nie gesehen hatte und die auch gar nichts mit uns zu tun haben. Ich finde so ein Verhalten absolut anmaßend. Schließlich kennen sie weder mich noch Marty und wissen überhaupt nichts über uns.

Genausowenig wie diese besserwisserische Frau, die vor einem Jahr, als Marty noch Angst vor einer recht belebten Straßenecke im Nachbardorf hatte (die übrigens schon wenige Wochen später überhaupt kein Problem mehr darstellte), im Stechschritt auf uns zugestampft kam und mir in bestimmendem Tonfall erklärte, ich würde die Angst meines Hundes verstärken, wenn ich ihn streichele. Voller Überzeugung warf sie mir all diese alten, längst von der Wissenschaft widerlegten Kamellen an den Kopf und dachte offenbar ernsthaft, sie würde damit ein gutes Werk tun. Was sie dagegen tat, war, Marty durch ihr forsches Auftreten zu verunsichern, mich zu verärgern und uns das Training für diesen Tag komplett zu zerstören. Denn ich war nach der Begegnung so sauer, dass ich unmöglich noch weiter Ruhe und Sicherheit ausstrahlen konnte.

Warum ich das jetzt auch alles erwähne? Ich möchte mit diesem Blog-Beitrag darauf aufmerksam machen, wie leicht es ist, sich von Außenstehenden dazu überreden zu lassen, ganz gewaltige Fehler zu machen. Ich bin froh, dass ich meine Ausbildung habe, dass ich dank meines ganzen Vorwissens weiß, was ich tue. Dass ich weiß, was meinem Hund hilft und was ihm schadet. Dass ich weiß, wie ich ihn vor der Welt beschütze und wie ich sein Vertrauen in mich stärke.

Aber nicht jeder Mensch, der einen ängstlichen Hund an seiner Seite hat, hat diesen Erfahrungshintergrund und das theoretische Wissen. Dann lässt man sich schnell verunsichern und hört auf die Tipps von Menschen, die sich selbst darstellen, als seien sie die absoluten Profis und wüssten genau, wovon sie reden. Statt auf sein Bauchgefühl zu hören, denkt man dann über die vermeintlich stichhaltigen Argumente nach und tut Dinge, die man später bereut.

Ich kann immer nur an jeden appellieren sich zu überlegen, wie es einem selbst in der Situation gehen würde, in der der Hund gerade ist. Die Perspektive des Hundes einzunehmen (auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn die meisten Hunde sind viel näher am Boden als wir, und von dort sieht die Welt ganz anders aus). Stellt euch vor, ihr selbst hättet panische Angst vor dieser einen Sache, vor der euer Hund Angst hat. Was würde euch in der Situation helfen? Und was nicht? Was lässt die Angst weniger werden und was macht sie größer?

Empathie und Bauchgefühl sind so wichtig für unser Zusammenleben mit dem Hund. Wenn euch irgendwer zum Beispiel sagt, ihr sollt die Angst eures Hundes ignorieren, dann fragt euch: Wenn ich mein Hund wäre, würde mir das dann helfen? Oder würde ich mich dadurch eher alleingelassen fühlen?

Oft ist es ganz einfach, die richtigen Antworten zu finden, wenn man sich nur in die Gefühlswelt des Hundes hineinversetzt und überlegt, was ihm helfen würde, eine Situation positiver zu erleben. Denn so unterschiedlich ist das Gefühlsleben von Hund und Mensch gar nicht. Deswegen lieben wir einander schließlich so sehr.

Übrigens hat Marty neulich einen großen Fortschritt gemacht, davon möchte ich abschließend noch erzählen. Ich habe vor ein paar Tagen durch Zufall auf einem Waldparkplatz in unserer Nähe eine befreundete Hundetrainerin getroffen. Wir hatten unsere Hunde, bis auf Marty, schon in die Autos geladen, standen mit einigen Metern Abstand zueinander und unterhielten uns. Nach einer Weile schlenderte Marty wie zufällig vorsichtig im Bogen auf sie zu und schaute sie aufmerksam an. Da ich wusste, dass von dieser Person ganz bestimmt keine unbedachte Reaktion kommt, die Marty verunsichern würde, ließ ich ihn gewähren.

Zum Hintergrund müsst ihr wissen, dass ich von Anfang an hin und wieder mit Marty und einer Freundin mit ihrem Hund zusammen spazieren gegangen bin. Marty kennt es, dass besagte Freundin immer bessere Leckerlis hat als ich, und dass sie diese auch großzügig verteilt. Und offenbar hat er sich überlegt, dass diese neue Frau vielleicht auch gute Leckerlis hat. So hat er sich ein Herz gefasst und sich ihr ganz allein angenähert. Ohne dass ich mitging. Das war so großartig. Und da es sich um eine Hundetrainerin handelte, die mit positiver Verstärkung arbeitet, hatte er das unfassbare Glück, dass sie tatsächlich tolle Leckerlis in der Tasche hatte und Marty groß abstauben konnte. Wie wunderbar!

Nach diesem tollen Erfolgserlebnis mit einer für ihn wildfremden Frau kam Marty wieder glücklich auf mich zugehopst und wollte erst mal kuscheln. Ich war so stolz auf meinen Kleinen.

Ich denke, mit meiner Freundin kann ich nach einem gemeinsamen Spaziergang auch schon mit dem Besuchertraining anfangen. Wenn sie mit in unser Haus kommt, wird er sicher wenig Unsicherheit zeigen. Und darauf aufbauend könnten wir dann mit weiteren Frauen üben. Dumm nur, dass sich dafür immer jemand die Zeit nehmen und zu uns rausfahren muss. Mal sehen, wie oft sich solche Gelegenheiten bieten. Wenn wir das ab und an wiederholen, werden Frauen sicher bald kein Problem mehr sein. Bei Männern bin ich noch nicht so optimistisch. Aber wir haben ja noch viele gemeinsame Jahre Zeit. Nur Geduld, das wird schon.

Inga Jung (Juni 2022)

Kleiner Hund gegen den Rest der Welt

Unser kleiner Marty hat seit ein paar Monaten eine neue Strategie entdeckt: das aktive Vertreiben seiner Angstauslöser.

Und wer kennt das nicht, gerade jetzt, wo wieder ein Krieg in Europa tobt und wir uns alle Sorgen um die Zukunft machen: Das Schlimmste, was uns im Angesicht eines Angstauslösers passieren kann, ist Hilflosigkeit. Wir möchten etwas tun, wir möchten aktiv werden, wir möchten den Angstauslöser vertreiben, damit er weggeht und wir uns wieder sicher fühlen können.

Genau das tut Marty, wie so viele andere Hunde auch: Ein Auto kommt angefahren, es fährt am Gartenzaun vorbei, Marty stürzt bellend an den Zaun, und das Auto entfernt sich wieder. Marty hat es aktiv vertrieben und fühlt sich groß und stark. Ziel erreicht. Ein absolut selbstbelohnendes Verhalten.

Dabei ist es interessant zu sehen, wer angebellt wird. Es sind nur Autos und Transporter, aus denen (vom Typ her) schon mal Menschen ausgestiegen sind und bei uns geklingelt haben. Also Post- und Paketboten, Handwerker oder Besucher. Das gelbe Postauto ist dabei Martys ganz persönlicher Erzfeind, weil das wirklich jeden Tag auftaucht und bei ihm immer wieder die Angst auslöst, dass der böse Postbote womöglich ins Haus kommt. Auf dieses Auto geht er sogar wie ein Irrer los, wenn es uns auf dem Spaziergang begegnet, was er bei anderen Autos nicht tut. Fremde Menschen, die möglicherweise in sein sicheres Zuhause kommen könnten, sind Martys absoluter Alptraum.

Es werden keine Trecker und keine LKW angebellt. Menschen in Treckern und LKW sind ungefährlich, die haben uns noch nie besucht.

Es werden auch keine Spaziergänger mit Hund angebellt, es sei denn, die Menschen gehen sehr nahe an den Zaun, schauen Marty direkt an oder sprechen ihn an. Gegen Hunde hat er nichts. Selbst wenn die ihn anbellen, schaut er nur und bellt nicht zurück. Und er ist auch überhaupt nicht territorial veranlagt, es geht ihm nicht um den Schutz von Haus und Garten, es geht ihm nur um Selbstschutz.

Es sind die Menschen, die er auf Abstand halten möchte. Menschen findet er einfach gruselig. Männer noch mehr als Frauen.

Und ich kann es ihm nicht verdenken, er hat schließlich Recht. Das einzige Tier auf diesem Planeten, das absichtlich grausam ist, ist der Mensch. In Bezug auf dieses Verhalten hat unsere Spezies ein absolutes Monopol. Der aktuelle Krieg in Osteuropa bestätigt das gerade mal wieder auf besonders deutliche Weise. Also was soll ich Marty erzählen? Dass alle Menschen nett sind? Sind sie nicht. Seine Ängste sind nicht unbegründet.

Natürlich finde ich die Kläfferei nicht gut, zumal sich Marty dabei auch im Haus manchmal richtig in Stress kläfft, immer mehr auf Geräusche von draußen lauscht und aus dem Fenster schauend regelrecht nach auffälligen Bewegungen sucht. Vor allem wenn es ihm körperlich nicht so gut geht, er Bauchweh hat oder irgendwelche anderen Befindlichkeiten, reagiert er immer sensibler. Dann muss ich manchmal alle Fenster schließen, Rollos runterziehen und Hintergrundmusik anmachen, um ihn von den Reizen, die ihn gerade so überfordern, abzuschirmen. Erst dann kommt er wieder zur Ruhe.

Was hilft, ist Sonne. Wenn die Hunde hier den ganzen Vormittag entspannt in der Sonne gelegen haben, ist Martys Bedürfnis, sich über vorbeifahrende Autos aufzuregen, sehr gering. Er ist dann so ausgeglichen, dass es schon starker Reize wie Stimmen direkt vor der Tür oder das Klappern des Briefkastens bedarf, um ihn aus der Reserve zu locken.

Ich tue viel, damit die Hunde – vor allem Marty – ausreichend Schlaf und Entspannung bekommen. Das ist enorm wichtig für das innere Gleichgewicht. Außerdem haben für Marty zumindest bei schönem Wetter seine Spaziergänge mit viel Zeit zum Schnüffeln und Beobachten einen hohen Stellenwert. Bei Regenwetter haben beide Hunde oft den Spaziergang verweigert, daher war die Kläfferei im Februar, als es wochenlang nur regnete, auch besonders schlimm, während sie sich jetzt im März, nachdem nun schon seit drei Wochen fast durchgehend die Sonne scheint, stark reduziert hat. Solche Einflüsse darf man einfach nicht unterschätzen, das Allgemeinbefinden der betroffenen Hunde ist bei solchen Problemen essenziell.

Wie trainiere ich nun mit Marty und wie bringe ich ihm ein passendes Alternativverhalten bei?

Tja, das ist nicht so einfach, weil er überhaupt nicht über Futter oder Spiel zu motivieren ist. Selbst wenn er ganz entspannt ist und keine Angst hat, interessieren ihn Futter und Spielzeug wenig. Das Einzige, was bei ihm hilft, ist Körperkontakt, ruhiges Ausstreichen über den Rücken und Ansprache mit ruhiger Stimme. So kann ich ihn hier im Haus immer sehr schnell wieder erden. Und aus dem Garten kommt er auf Rückruf zuverlässig wieder zurück ins Haus, auch wenn er gerade am Bellen ist. Das sind momentan die einzigen Ansätze, die wirklich helfen. Ich muss nur schnell sein, denn je länger er bellt, desto mehr übt er natürlich dieses Verhalten als Strategie ein. Da muss ich noch an mir arbeiten, in solchen Momentan wirklich alles stehen und liegen zu lassen, egal was ich gerade mache.

Am besten wäre es natürlich, vorausschauend bei jedem potenziell aufregenden Geräusch zu Marty zu gehen und ihn zu streicheln, damit er gar nicht erst anfängt zu bellen. Aber das klappt im Alltag natürlich nur selten, weil ich die Auslöser meist nicht vorhersehen kann.

Sichere Rückzugsorte, an denen Marty sich wohl fühlt, haben wir mehrere im Haus, aber er ist noch zu unsicher, um wirklich darauf vertrauen zu können, dass ihm dort auf keinen Fall etwas passieren wird, falls fremde Menschen hier hereinkommen sollten.

Wenn tatsächlich mal jemand zu Besuch kommt, was aktuell schon allein wegen der Pandemie sehr selten passiert, dann hat Marty ein festes Zimmer mit seinem Hundebett und allem, was er braucht, zu dem Besucher keinen Zutritt haben. Und auch sonst setze ich im Alltag natürlich viel Management ein. Gehen wir zum Beispiel an fremden Menschen vorbei, gehe ich zwischen Marty und den Menschen, damit er so viel Abstand bekommt wie er braucht. Er wird auf keinen Fall zur Kontaktaufnahme gezwungen und darf für ihn unheimliche Situationen in Ruhe mit ausreichend Abstand beobachten.

Das alles kenne ich schon von meinen ersten Jahren mit Luzi, die anfangs auch große Probleme mit fremden Menschen hatte. Das ist nicht wirklich neu für mich. Nur hatte ich damals den Luxus, dass Luzi in diesen Situationen Futter annehmen konnte und ich dadurch schneller eine positive Verknüpfung herstellen und gleichzeitig gutes Verhalten belohnen konnte.  

Mein Traum wäre, dass Marty vielleicht irgendwann auch im Angesicht fremder Menschen ein paar Käsewürfel (das einzige Leckerli, das er wirklich gern mag) annehmen kann und das dann auch als Belohnung empfindet. Das würde uns deutlich mehr Möglichkeiten im Training eröffnen. Aber das wird wohl noch eine ganze Weile dauern.

(Inga Jung, März 2022)

Der Hausfrieden ist wieder hergestellt

Seit Anfang November hat sich die Lage beruhigt. Marty hat Toni inzwischen in den unterschiedlichsten Situationen beobachtet und festgestellt, dass der manchmal aus sehr merkwürdigen und für Martys Verständnis einfach nicht nachvollziehbaren Gründen bellt. Und dass Herrchen in dem Moment wohl doch gar keine Bedrohung darstellt.

Außerdem haben wir natürlich mit gutem Management und vielen kleinen Käsewürfeln aktiv dazu beigetragen, dass sich Martys Gefühlslage angesichts Tonis Gebell wieder beruhigt hat. Mein Mann kann sich jetzt wieder frei im Haus bewegen und muss nicht mehr befürchten, dass Marty plötzlich knurrend auf ihn zugestürzt kommt. Marty geht ihm wieder respektvoll aus dem Weg, so wie er es schon vor Tonis Einzug gemacht hat, aber wirkliche Angst hat er vor Herrchen nicht mehr. Somit ist der Hausfrieden zunächst wieder hergestellt.

Wenn Toni, der ein absolutes Papa-Kind ist, spielerisch von meinem Mann durchgeknuddelt wird, steht Marty dabei und guckt skeptisch zu. Was er davon halten soll, weiß er ganz offensichtlich noch nicht. Aber Toni macht es eindeutig Spaß, also scheint es wohl ungefährlich zu sein.

Marty hat eine detaillierte Beobachtungsgabe und kommuniziert selbst sehr fein. Toni dagegen ist kommunikativ eher ein Grobmotoriker. Marty setzt seinen gesamten Körper ein, um seine Gefühle auszudrücken. Toni stellt sich einfach hin und bellt, wenn er irgendwas will. Das macht er mit Menschen und mit Hunden so. Dieses Verhalten kommt nicht überall gut an und erzeugt zwischen den beiden (und auch zwischen Toni und manchen Hunden, denen wir draußen begegnen) noch das eine oder andere Missverständnis. Toni stört das nicht, er ist da ganz gelassen. Marty verunsichert es manchmal aber doch sehr.

Zum Beispiel haben die beiden ein paar Mal versucht, miteinander zu spielen. Aber wenn Toni hinter Marty herrennt, bellt er dabei immer. Typisch Terrier. Marty deutet das allerdings nicht als Bestandteil des Spiels, sondern bekommt fürchterliche Angst und verfällt in seine altbekannte Schockstarre. Toni steht dann vor ihm und bellt weiter, damit Marty wieder losrennt. Was Marty allerdings erst so richtig in Panik versetzt. Diese Situationen muss ich immer auflösen, indem ich ein paar Leckerlis streue und die Hunde auf andere Gedanken bringe, denn Marty ist in seiner Panik nicht in der Lage, das selbst zu lösen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass er in dem rumänischen Tierheim, in dem er aufgewachsen ist, oft von anderen Hunden gemobbt wurde, und dass ihn solche Situationen daran erinnern.

Ich hoffe sehr, dass im Laufe der Zeit das Vertrauen zwischen den beiden so sehr wächst, dass Marty auch diese Situation ruhig und ohne Angst betrachten und für sich auflösen kann. Denn an sich ist er sehr schlau und kann Situationen unheimlich gut analysieren. Aber seine Ängste blockieren ihn so sehr, dass er nicht mehr handlungsfähig ist, wenn die Unsicherheit mal wieder die Oberhand gewinnt.

Es ist auf jeden Fall spannend zu sehen, wie sowohl Marty, als auch Toni sich entwickeln und jeden Tag lernen – voneinander, von mir und aus den täglichen Alltagssituationen. Und abgesehen von diesen kleinen Bell-Missverständnissen, die auch schon seltener werden, kommen Toni und Marty ganz wunderbar miteinander aus und ergänzen sich optimal.

Toni darf inzwischen auf ausgewählten Strecken, die ich gut überblicken kann, schon frei laufen, und er macht das ganz wunderbar. Von sich aus schaut er sich immer wieder zu mir um, und auch der Rückruf klappt sehr gut. Natürlich wird er dafür auch immer fürstlich belohnt und gelobt.

Bei Marty kommen leider auch auf dem Spaziergang immer mal wieder durch verschiedene Auslöser so starke Unsicherheiten hoch, dass ich auf die Leine noch nicht verzichten kann. Denn wenn er erst einmal weggelaufen ist, kann ihn niemand (außer mir vielleicht) wieder einfangen. Er würde nie im Leben auf die Idee kommen, zu Menschen zu laufen und sich Hilfe zu suchen, so wie Toni das ganz sicher machen würde. Menschen sind für Marty immer noch das Gruseligste überhaupt.

Also gehen wir auf Nummer sicher. Und auch an der langen Leine genießt Marty unsere Spaziergänge sehr. Da gibt es immer etwas Neues zu entdecken, und man kann stehen bleiben und schnüffeln und dann ganz plötzlich losrennen und ein paar Meter sprinten und Haken schlagen … Es ist wunderbar, wie er draußen aufblüht und die Welt jeden Tag aufs Neue erkundet.

Und er hat ja noch sein ganzes Leben vor sich. Marty hat Ende November seinen zweiten Geburtstag gefeiert und hat noch so viel Zeit, um nach und nach seine Ängste abzubauen. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass es mit meinem Mann jetzt wieder entspannter ist. Wer weiß, vielleicht ist Marty irgendwann, in einigen Monaten, auch bereit, sich von ihm streicheln zu lassen. Das wird ganz allein Martys Entscheidung sein. Lassen wir es einfach auf uns zukommen.

(Inga Jung, Dezember 2021)

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr

Der Hund ist „des Menschen bester Freund“, so sagt man. Und in vielen Fällen kann man dieser Aussage nur zustimmen. Doch sollte eine gute Freundschaft bekanntlich gegenseitigen Respekt beinhalten, ein ausgeglichenes Verhältnis von Geben und Nehmen und Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse des anderen.

Wer sich aber so anschaut, wie viele Hunde hierzulande „erzogen“ werden, wobei immer noch Strafmaßnahmen aus vergangenen Jahrhunderten wie Nackenschütteln, in die Seite kneifen, an den Ohren ziehen, Würgehalsbänder sowie Schellen und Spritzflaschen zum Erschrecken ganz normaler Alltag sind – von Schlägen, Tritten und Stromschlägen reden wir mal gar nicht, obwohl auch das vorkommt und sogar immer noch von einigen Trainern empfohlen wird –, kommt nicht umhin zu denken, wer solche „Freunde“ hat, der braucht wahrlich keine Feinde mehr.

Ganz besonders verwerflich, da dieser Bereich von unserem Tierschutzgesetz kaum reglementiert ist und die Täter ohne Strafen zu erwarten quasi alles tun dürfen, wozu sie Lust haben, sind die Tierversuche. Natürlich alles im Namen der „Wissenschaft“. Jeder Tierversuch muss in Deutschland beantragt und genehmigt werden, aber es werden nur sehr wenige Vorhaben abgelehnt. Diese Grauzone der völlig legalen Tierquälerei betrifft alle Tiere, vom Wasserfloh über den Nacktmull bis zum Kamel. Die Menschen lassen keine Möglichkeit aus, für ihren makabren „Wissensdurst“ (oder ist es am Ende doch nur die Lust am Quälen?) Tiere leiden zu lassen. An Hunden werden insbesondere Toxizitäts-Tests (also Tests auf Giftigkeit von Substanzen) vorgenommen. Das ist auch ganz öffentlich. Man kann es z.B. in der Packungsbeilage des Mittels Simparica Sarolaner (ein Insektizid, das Hunde in Tablettenform bekommen) nachlesen. Ich zitiere:

„In einer Sicherheitsstudie wurde das Tierarzneimittel 8 Wochen alten Beagle-Welpen in Dosierungen entsprechend des 0-, 1-, 3- und 5-fachen der maximalen Behandlungsdosis von 4 mg/kg in Intervallen von 28 Tagen 10 mal oral verabreicht. Beim der maximalen Behandlungsdosis von 4 mg / kg wurden keine Nebenwirkungen beobachtet. In der Gruppe der Überdosierungen wurden bei einigen Tieren vorübergehende und selbstlimitierende neurologische Symptome beobachtet: leichter Tremor beim 3-fachen der maximalen Behandlungsdosis und Konvulsionen beim 5-fachen der maximalen Behandlungsdosis. Alle Hunde erholten sich ohne Behandlung wieder. Sarolaner wurde von Collies mit defektem ‚Multidrug-Resistance-Protein 1‘ (MDR1 -/-) nach einmaliger oraler Verabreichung des 5-fachen der empfohlenen Dosis gut vertragen. Behandlungsbedingte klinische Symptome wurden nicht beobachtet.“

Im Klartext: Hier wurden also 8 Wochen alten Welpen starke Überdosierungen dieses Mittels gegeben, von dem noch nicht bekannt war, wie es wirken würde. Die 5-fache Dosis wurde einem Hundebaby verabreicht und danach wurde beobachtet, ob der Kleine Zuckungen (bei der 3-fachen Dosis), Störungen des Nervensystems, Anfälle oder Krämpfe (das sind die besagten „Konvulsionen“ bei der 5-fachen Dosis) erleidet oder womöglich stirbt (was dann vermutlich bei der 6-fachen Dosis passiert ist).

Hätten die Collies mit MDR1-Defekt das Mittel nicht vertragen, wären sie übrigens ganz elendig krepiert. – Glück gehabt, kann man da nur sagen.

Und das tun wir Menschen unseren besten Freunden an. Nicht gerade vertrauenerweckend, oder?

Im Kieler Tierheim, wo ich als Gassigeherin regelmäßig mit den Hunden unterwegs bin, landen immer wieder ganze Gruppen von Hunden, die aus schlechter Haltung befreit und von der Polizei beschlagnahmt wurden. Viele dieser Hunde haben ihr gesamtes Leben in einem Schuppen oder einer Wohnung verbracht und niemals die Welt draußen kennenlernen dürfen. Sie erschrecken vor allem, haben Angst vor Gras und dem Himmel, vor Menschen, vor Autos, vor Bäumen, vor Mülleimern … Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Wie kommen Menschen dazu, Hunden so etwas anzutun? Es gibt viele Ursachen, die Psychologen schon für Animal Hoarding herausgefunden haben, aber sie haben alle eines gemeinsam: Selbstbezogenheit und die Unfähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen. – Das können die meisten Hunde tatsächlich besser als so manche Menschen. Und für alle Zweifler: Ja, das wurde schon wissenschaftlich nachgewiesen. Hunde können durchaus Empathie empfinden.

Was mich ebenfalls in letzter Zeit immer stärker beschäftigt, ist die zunehmende Bereitschaft der Menschen, schon bei Kleinigkeiten Anzeige zu erstatten. Ohne die Folgen zu bedenken. Oder es ist ihnen einfach egal, ich weiß es nicht.

Da bellt ein Hund einen Radfahrer an, der erschreckt sich und fällt hin. Okay, das kann passieren. Aber nein, es wird sofort Anzeige erstattet. Der Hund und der Halter werden vom Ordnungsamt überprüft, vielleicht kommt es sogar zu einem Gerichtsverfahren. Und wenn der Hund ganz viel Pech hat, wird er als „gefährlich“ eingestuft und landet im Tierheim, weil sein Halter die Auflagen nicht erfüllen kann oder will. Nur wegen so einer Lappalie.

Was hätte der Radfahrer denn gemacht, wenn er sich vor einem plötzlich mit Blaulicht an ihm vorbeifahrenden Rettungswagen erschreckt hätte? Hätte er den auch angezeigt?

Es ist so viel Hass in den Menschen. Hass auf andere Menschen, Hass auf Tiere, Hass auf die ganze Welt. Alle sind scheiße, nur ich selbst nicht. Ich verstehe es nicht. Ich kann so etwas nicht begreifen.

Leben und leben lassen. Einfach mal etwas Toleranz zeigen. Akzeptieren, dass andere genauso wenig perfekt sind wie man selbst. Und das beziehe ich jetzt nicht nur auf Menschen untereinander, sondern auch auf die Beziehung zu unseren Hunden. Auch von Hunden darf man keine Perfektion erwarten, sie sind schließlich „auch nur Menschen“.

Wann ist uns diese Fähigkeit zur Toleranz abhandengekommen? Manchmal habe ich fast den Eindruck, dass die Geburt von Internet-Plattformen wie Facebook sehr stark damit verbunden ist. Nirgendwo findet man so viel ungehemmten Hass wie dort. Und Hass hat leider die unangenehme Eigenschaft, sich zu vermehren. Je mehr Menschen hasserfüllte Kommentare lesen, desto heftiger wird die Wut.

Ich hoffe nur, dass nicht unsere Tiere letzten Endes – wie es leider meist so ist – diejenigen sind, die unseren Hass und unsere Wut abbekommen. Denn wir müssen uns immer wieder das Eine vor Augen führen: Unsere Hunde glauben wirklich, dass wir ihre besten Freunde sind. Auch wenn wir Menschen uns ihnen gegenüber mal wieder wie die letzten Arschlöcher verhalten. Die Liebe eines Hundes, einmal gefasst, ist unerschütterlich. Und was bleibt ihm auch übrig? Er hat ja nur uns. Lasst uns diese Macht über ihn bitte niemals missbrauchen.

(Inga Jung, November 2019)

Buchtipp: „Anti-Giftköder-Training“

Jeder kennt diese Situation: Da hat man noch so gut und geduldig das Ausgeben und Tauschen mit seinem Hund trainiert, und in einer ruhigen Situation klappt das auch ganz wunderbar. Aber wenn der Hund auf dem Spaziergang plötzlich etwas unfassbar Ekliges im Maul hat, dann ist das etwas ganz Anderes. Auf einmal rennt man hysterisch „Aus!“ kreischend auf den Hund zu – und was macht der natürlich? Klar, vor lauter Schreck vergisst er alles Training, bringt sich schnell mit seinem Leckerbissen in Sicherheit und schluckt ihn herunter.

In so einem Moment wird jedem Hundemenschen klar, dass ihm und seinem Hund noch etwas fehlt, nämlich ein vernünftiges Training, um solchen Situationen vorzubeugen. Damit Hasso sein ekelhaftes Fundstück gar nicht erst ins Maul nimmt, sondern schon vorher stoppt und anzeigt, dass da etwas liegt. Wäre das nicht ein Traum? Absolut! Und er ist gar nicht so unerreichbar, wie man denken mag.

Das Buch „Anti-Giftköder-Training. Übungsprogramm für Staubsauger-Hunde“ hält, was es verspricht. Viel gehört hatte ich bereits von diesem Buch. Nun wollte ich es auch selbst einmal lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Sonja Meiburg zeigt in diesem Buch genau auf, wie man Schritt für Schritt vorgeht, um den Traum von dem Hund, der sich vor dem auf der Straße gefundenen Wurstbrot brav hinsetzt, ohne es anzurühren, zu verwirklichen. Und das ganz ohne Zwang und voller Begeisterung.

Natürlich geht das nicht über Nacht und schon gar nicht ohne Arbeit, das sollte jedem klar sein. Aber gerade für Hunde, die in Gegenden leben, in denen öfter Giftköder ausgelegt werden, kann dieses Training lebenswichtig sein. Ebenso für Futtermittelallergiker. Und empfehlenswert ist es im Grunde für jeden, denn nicht alles, was Fiffi auf der Straße und im Wald findet, ist auch gut für ihn.

Ich kann Sonja nur zu diesem wunderbaren Buch gratulieren. Es ist ein Trainings-Leitfaden, in dem man jeden Tag noch mal nachblättern und dem man in seinem eigenen Tempo folgen kann. Einen zusätzlichen Trainer braucht man eigentlich nur, wenn man sich mit dem richtigen Timing nicht sicher ist, denn das ist natürlich das A und O, damit der Hund begreift, was man von ihm möchte.

Ansonsten kann ich nur sagen: Viel Spaß beim Anti-Giftköder-Training. Und immer schön üben, üben, üben!

(Inga Jung, Oktober 2018)

 

 

„Du bist zu nett zu deinem Hund“

Wenn ich sehe, dass Menschen ihren Hund scharf zurechtweisen, spreche ich sie darauf an und bekomme dann hin und wieder zu hören, dass Hundetrainer ihnen gesagt haben, sie seien „zu nett“ zu ihrem Hund. Sie versuchen diesen „Makel“ dann zu beseitigen, indem sie besonders unfreundlich und streng mit ihrem Hund umgehen.

Wieder einmal finde ich es unfassbar, was Hundetrainer mit ihren Bemerkungen so alles anrichten können, und mindestens ebenso unglaublich finde ich es, dass Menschen diesen Ratschlägen völlig gedankenlos und ohne Emotionen folgen, anstatt auf ihr Bauchgefühl zu achten.

Dabei ist so ein Spruch einfach nur unsinnig. Man kann überhaupt nicht zu nett zu seinem Hund sein. Hunde sind großartig, aufrichtig und liebenswert. Jeder Hund – selbst ein Hund wie meine verrückte Luzi, die mir regelmäßig mit ihren lautstarken Gefühlsausbrüchen den letzten Nerv raubt – hat es verdient, immer und jederzeit von seinem Menschen nett behandelt zu werden.

Was vermutlich mit dem Satz gemeint ist, ist etwas ganz anderes, nämlich „du bist nicht konsequent“. Das ist aber überhaupt nicht miteinander vergleichbar.

Inkonsequentes Handeln verwirrt Hunde. Ist etwas heute erlaubt, morgen verboten und übermorgen wird der Hund sogar aktiv dazu aufgefordert, dann folgert der Hund daraus, dass sein Mensch offenbar selbst nicht weiß, was er will. Und dann macht der Hund eben das, was er selbst möchte. Das ist in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Übrigen nicht anders. Das weiß ich sehr genau, denn ich war auch so ein Kind.

Mangelnde Freundlichkeit hingegen zerstört einfach nur die Vertrauensbasis zwischen Mensch und Hund. Nichts weiter. Ruppige Behandlung schafft Unsicherheiten und ein emotionales Ungleichgewicht. Das Einzige, was man damit erreicht, ist ein unglücklicher Hund. Und auch das kann man auf das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern problemlos übertragen.

Konsequent und gleichzeitig nett zu sein ist gar nicht schwer. Ich muss nur gewisse Regeln aufstellen und mich dann in erster Linie selbst daran halten. Nehmen wir mal ein Beispiel: Mein Hund soll nicht mit ins Bett. Nun bin ich aber krank oder mein Partner ist für ein paar Wochen nicht da, ich liege im Bett und fühle mich elend und einsam. Mein Hund sitzt vor mir und schaut mich an. Was mache ich? Na klar, ich hole meinen Hund zu mir ins Bett und wir kuscheln.

Das kann man machen, solange man sich der Tatsache bewusst ist, dass man in dem Moment seine eigene Regel gebrochen hat und von seinem Hund keinesfalls erwarten darf, dass er von nun an nie wieder ins Bett möchte. Dem Hund ist es natürlich völlig egal, dass in zwei Wochen sein Mensch wieder gesund ist und dessen Partner wieder seinen Platz im Bett beansprucht. Der Hund sieht nur, dass diese bisher immer aktive Regel nun aufgehoben wurde.

Konsequent zu sein bedeutet also in erster Linie, sich selbst im Blick zu haben und sich seiner eigenen Taten bewusst zu sein. Wenn ich dies jetzt tue, dann fasst mein Hund das soundso auf. Möchte ich das? Kann ich damit leben, dass sich unser Zusammenleben dadurch ändert und in Zukunft andere Regeln gelten? Oder möchte ich das nicht? Dann sollte ich mich nun tunlichst zusammenreißen und diese Regel nicht brechen.

Hunde sind sehr konsequent. Sie sind kooperativ und halten sich an einmal gelernte Regeln. Das ist eine wichtige Basis für ein stressfreies Zusammenleben im sozialen Verband. Aber im Gegenzug müssen wir fair sein und uns ebenso daran halten. Wenn wir die Regeln auflockern, dann dürfen wir von unseren Hunden nicht erwarten, dass sie sie weiterhin einhalten. Gleiches Recht für alle. So läuft das in einer Familie.

Und selbstverständlich funktioniert auch das Erlernen der Regeln ganz wunderbar mit viel Lob, Spiel und Spaß. Strafe ist gar nicht notwendig, denn jeder Hund, der neu in einen Haushalt kommt, versucht als Erstes herauszufinden, welche Regeln hier gelten. Er will und muss das wissen, damit er sich richtig verhalten und sich gut in die Familie einfügen kann. Wenn wir ihm auf liebevolle Weise beibringen, wie das Zusammenleben mit uns funktioniert, dann stärken wir gleichzeitig die wichtigste Basis für Alltag, Spiel und Training: Vertrauen.

Und jederzeit nett zu seinem Hund zu sein, das gehört selbstverständlich dazu.

(Inga Jung, Mai 2018)

 

 

 

 

Altenpflege, gute Laune und Leckerlis

Nun ist es schon März und ich sehe, dass ich seit Dezember kein Update für den Blog mehr geschrieben habe. Das hat einen ganz einfachen Grund: Mir fehlt die Zeit.

Meine alte Hündin Peppi ist inzwischen 14 Jahre alt geworden. Das ist ein wunderbares Geschenk. Ich habe viel Ahnenforschung betrieben und versucht, einiges über Peppis Verwandtschaft herauszubekommen. Leider sind sehr viele ihrer Verwandten nicht besonders alt geworden. Krebs, Herzprobleme und Epilepsie haben sie teilweise schon in recht jungen Jahren dahingerafft. Kaum ein Hund ist älter als 12 Jahre geworden.

Von Epilepsie sind Peppi und ihre Wurfgeschwister zum Glück verschont geblieben, in der Hinsicht war die Kombination ihrer Eltern eine gute Wahl. Aber das Herz und der Krebs sind auch bei ihnen eine ständige Bedrohung. Ihre Mutter starb mit 12 Jahren, ihr Vater wurde nicht ganz so alt, zwei ihrer Wurfgeschwister starben mit 11 Jahren, ihr Großvater mit 9 Jahren … und immer entweder das Herz oder der Krebs. Ich hatte daher nie zu hoffen gewagt, dass Peppi mehr als 12 Jahre schafft. Und jetzt ist sie 14.

Es waren allerdings keine 14 Jahre ohne Krankheiten. Wir haben schon ein paar lebensbedrohliche Situationen hinter uns, aber Peppi hat sich immer wieder durchgebissen und es geschafft, sich wieder aufzurappeln.

Inzwischen komme ich mir aber schon vor wie eine Altenpflegerin in Vollzeit. Mein Hund bekommt so viele Medikamente und Futterzusätze, dass ich schon überlegt habe, von drei auf vier Mahlzeiten aufzustocken, nur um die ganzen Mittelchen unterbringen zu können. Von den Kosten, die dafür monatlich anfallen, reden wir mal nicht.

Herz, Lunge, Nieren und Bauchspeicheldrüse arbeiten ohne Unterstützung nicht mehr ausreichend mit. Die Milz ist vergrößert, die Leber angegriffen … das gesamte System lässt langsam nach.

Stubenreinheit ist nicht mehr wirklich vorhanden, und beim Trinken wird der halbe Inhalt des Wassernapfes im Raum verteilt. Und wegen der Entwässerungstabletten trinkt Peppi andauernd. Es ist schon fast ein Vollzeitjob, hinter ihr her zu putzen.

Da ihr immer die Beine wegrutschen, wenn sie aus Näpfen frisst oder trinkt, die auf dem Boden stehen, haben wir die Wassernäpfe erhöht aufgestellt. Den Futternapf halte ich fest, während sie frisst. Das ist etwas zeitaufwändig, aber so kann ich zumindest direkt sehen, ob sie mit Appetit frisst, oder ob sie irgendwelche Probleme hat. Futterverweigerung ist bei ihr das Alarmzeichen Nummer eins.

Wegen ihrer Blindheit und Taubheit müssen wir immer aufpassen, dass nichts im Weg steht. Vor allem auf dem Spaziergang ist große Aufmerksamkeit geboten. Man muss sie um Mauern, Autos, Mülltonnen und tiefhängende Äste herumlenken, damit sie nicht dagegen läuft. Gräben, Löcher in der Wiese, Maulwurfshügel, Grasbüschel oder Treckerspuren im Acker sind gefährliche Hindernisse. Man muss immer ein paar Schritte vorausdenken, damit nichts passiert. Trotzdem stolpert Peppi oft, und manchmal fällt sie hin.

Doch es ist absolut bewundernswert, wie sie sich nach solchen Rückschlägen immer wieder aufrappelt und ihre positive Lebenseinstellung zurückgewinnt. Ein Leckerli als Trostpflaster reicht, und schon ist alles wieder in Ordnung. Sie hat so viel Freude am Leben und Spaß an der Freude, sie lässt sich einfach nicht unterkriegen. Nie wird gejammert. Sie nimmt ihre Einschränkungen einfach so hin und macht das Beste draus. Jeden Tag aufs Neue.

Abends besteht sie auf ihrer Leckerlisuche. Da ist sie inzwischen auch sehr eingefahren. Während sie sich früher immer gefreut hat, wenn wir unterschiedliche Spiele gespielt haben, verwirrt sie das heute nur noch. Sie will Leckerlis suchen, und basta. Und wenn ich keine Leckerlis auslege oder ihr nicht schnell genug bin, dann fängt sie einfach so schon mal an zu suchen.

Im Alter hat Peppi, die sich früher niemals durchgesetzt und immer brav alles akzeptiert hat, einen eisernen Willen entwickelt. Wenn ihr etwas nicht passt, dann zappelt sie so lange herum, bis sie sich durchgesetzt hat. Bürsten zum Beispiel, oder Pfoten abtrocknen. Oder sich streicheln oder vom Tierarzt untersuchen lassen. Das mag sie nicht, und das macht sie auch deutlich, indem sie demonstrativ wegläuft oder herumbockt wie ein kleines Rodeopony. Sie weiß genau, was sie will. Und das versucht sie auch durchzusetzen.

Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Aber ich bin auch froh, dass sie so einen eisernen Willen hat, denn das zeigt mir, dass es ihr gut geht. Ich habe sie während ihrer schlimmen Krankheiten erlebt, z.B. bei der Bauchspeicheldrüsenentzündung. Da war sie vor lauter Schmerzen so willenlos und hat kaum reagiert. Als es ihr besser ging und sie wieder anfing, deutlich zu machen, dass sie keine Lust auf die Tierarztpraxis hatte, war ich heilfroh.

Beim Tierarzt bin ich – mal mit, mal ohne Hund – natürlich inzwischen Dauergast. Allein zum regelmäßigen Abholen von Medikamenten und Behältern für Kot- und Urinproben.

Und Peppi ist natürlich nicht mein einziger Hund. Wir haben ja auch noch Luzi, und die ist alles andere als pflegeleicht. Gesundheitlich ist sie zwar besser aufgestellt, aber ihre Verhaltensauffälligkeiten sind immer noch ziemlich nervenaufreibend. Vor allem jetzt, in der Zeit zwischen Januar und März, die besonders anstrengend ist.

Ich bitte also um Verzeihung, wenn hier immer mal wieder ein paar Monate Funkstille einkehrt. Es gibt im Altenpflege-Alltag auch nicht so wahnsinnig viel zu berichten, was einen Blog-Artikel füllen würde. Es sind mehr die Kleinigkeiten, die den Tag bereichern.

Für mich hat meine Peppi jedenfalls die oberste Priorität, und alles andere kann warten. Ich beobachte sie jeden Tag. Wenn es ihr schlecht geht, leide ich mit ihr. Wenn sie gut drauf ist, hopsen wir zusammen durch die Gegend und ich freue mich über ihren unbändigen Lebenswillen. Sie hat noch immer so viel Spaß am Spielen und man kann ihr mit einem einfachen Stückchen Trockenfutter eine so große Freude machen …

Es ist wundervoll zu sehen, wie einfach Glück doch sein kann. Wir Menschen wollen immer die großen Dinge, die großen Gesten, Feuerwerk und Diamanten. Aber das ist doch alles egal.

Keine Schmerzen, eine ordentliche Portion Optimismus und Vertrauen, gute Laune und Leckerlis – das ist es, was man wirklich braucht. Das lehrt mich mein Hund jeden Tag.

(Inga Jung, März 2018)

 

 

Was macht eigentlich … mein Zappelhund?

Es ist ist inzwischen vier Jahre her, dass ich das Manuskript für mein zweites Buch „Zappelhunde. Vom Leben mit überaktiven Hunden“ abgeschlossen habe. Damals war meine Luzi fünf Jahre alt. Inzwischen ist sie neun und ich möchte ein kleines Resümee ziehen. Was hat sich in den letzten neun Jahren verändert? Was ist gleich geblieben? Wie lebt es sich mit der Zappeltante?

Luzi zog im Dezember 2008 bei uns ein, damals war sie etwa viereinhalb Monate alt. Im Nachhinein ein ungünstiger Zeitpunkt, denn während des Zahnwechsels sind sensible Hunde noch leichter zu beeindrucken, als ohnehin schon. Aber was soll’s – in Luzis ersten Lebensmonaten war bereits einiges schiefgelaufen, das einfach nicht mehr rückgängig zu machen war, und ich machte einfach das Beste draus. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem kann ich nur mein Buch „Zappelhunde“ ans Herz legen, in dem Luzis Geschichte einen zentralen Raum einnimmt.

Anfangs kam ich sehr oft an meine Grenzen. Luzi hatte Angst vor meinem Mann und lief immer vor ihm weg, was er mit einem beleidigten „dann eben nicht“ entgegennahm und sich darauf beschränkte, sie bei ihren zaghaften Annäherungsversuchen meist wegzuscheuchen. Ich konnte also von dieser Seite keinerlei Hilfe erwarten und stand mit diesem felligen kleinen Nervenbündel alleine da. Ich weiß noch, dass ich mir zu dieser Zeit sehr oft gewünscht habe, Luzi einfach mal nur für einen einzigen Tag in Betreuung zu geben und mal durchzuatmen. Aber das war schlicht unmöglich. Sie brachte mich so oft zur Verzweiflung, dass ich mit den Nerven häufig total am Ende war.

Das größte Problem war ihre Angst vor fremden Menschen, und wir wohnten in den ersten Jahren in einer Gegend, in der wir jeden Tag auf dem Spaziergang Menschen begegneten. Es war furchtbar anstrengend, immer auf der Hut zu sein und Luzi abzuschirmen, denn sobald sie sich bedroht fühlte (und dafür reichte ein einziger Blick eines Femden), ging sie zum Angriff über. Meine Aufgabe war es, das zu verhindern und sowohl Luzi, als auch den Passanten Sicherheit zu geben. Das hat nicht immer geklappt, aber im Laufe der Zeit machten wir Fortschritte, und nach eineinhalb Jahren begann Luzi mir endlich zu vertrauen. Von da an ging es schneller voran.

Wie ist es heute?

Wir leben jetzt seit sechs Jahren in einem sehr kleinen Dorf, und uns kommen nur selten Menschen entgegen. Die Straßen sind breit und es gibt keine Bürgersteige, auf denen wir uns an Passanten vorbeiquetschen müssen. Das alles kommt Luzi sehr entgegen und hat enorm zu ihrer Entspannung beigetragen.

Kommen uns Menschen ohne Hund entgegen, nehme ich Luzi natürlich weiterhin an die Leine, aber ich muss sie nicht mehr abschirmen oder besonders auf sie aufpassen. Im Nebel oder in der Dämmerung ist Luzi natürlich, rassetypisch, aufmerksamer als im hellen Sonnenlicht. Da muss ich ihr schon manchmal sagen, dass der einsame Mensch, der uns auf dem Weg entgegenkommt, keine Gefahr darstellt. Dafür haben wir unser Beruhigungswort „alles gut“, das ihr signalisiert, dass sie sich entspannen kann.

Manchmal, wenn auch selten, kommt es inzwischen sogar vor, dass Luzi einen Menschen auf Anhieb sympathisch findet und sogar zu ihm hin möchte und sich streicheln lässt. Das gleiche Phänomen gibt es übrigens auch bei Hunden. Die meisten Hunde hasst sie wie die Pest, aber manchmal, ganz selten, gibt es Hunde, die sie einfach toll findet. Und die haben bei ihr dann auch Narrenfreiheit. Aber nur diese Hunde. Sonst keiner. Damit das klar ist. Ein echter Charakterhund verteilt seine Sympathien sehr gezielt.

Hier auf dem Dorf gibt es auch ein paar Leute, die glauben, sie könnten sich die Freundschaft meines Hundes mit Leckerlis erkaufen. Aber da liegen sie bei Luzi falsch. Sie nimmt zwar das Leckerli an, aber das hält sie nicht davon ab, diese dreisten Menschen, die sich ihr ungefragt genähert haben, danach dann noch ordentlich zu verbellen, damit die bloß wieder weggehen. So einfach kriegt man Luzi nicht, da muss man schon überzeugender sein.

Nach wie vor bin ich für Luzi das Maß der Dinge. Menschen, die ich mag und mit denen ich mich gern unterhalte, sind auch für Luzi okay. Wenn mich jemand anspricht und ich gerade keine Lust auf eine Unterhaltung habe, spürt Luzi das sofort und betrachtet denjenigen mit Misstrauen. Es kann auch sein, dass sie dann leise knurrt.

Wie steht es nun um die Zappelei?

Das Schöne am Dorfleben ist, dass ein bellender Hund niemanden stört. Unser Nachbar sagte mal: „Wenn ein Hund hier nicht bellen darf, wo darf er das dann?“ Das war für mich eine große Erleichterung, denn es nahm mir den Druck. Versucht man nämlich, mit Luzi irgendwas schnell umzusetzen, dann geht das garantiert nach hinten los. Sie spürt sofort, dass man unter Zeitdruck steht, und dann rastet sie erst recht aus. Alles, was man mit Luzi macht, sollte so entspannt und ruhig wie möglich geschehen, dann klappt es am besten. Das ist nach wie vor so.

Luzi ist ganz und gar kein Dauerkläffer, aber wenn sie sich aufregt, dann ist ihr Kreischkläffen dafür umso unerträglicher. Mein Mann und ich machen oft Witze darüber, dass unsere alte Hündin Peppi bestimmt nur deswegen taub geworden ist, weil sie Luzis Geräuschkulisse nicht mehr ertragen hat. Manchmal bin ich da auch richtig neidisch auf sie.

Inzwischen können wir den Spaziergang einigermaßen ruhig starten, indem ich sofort nach dem Verlassen des Hauses in der Einfahrt Leckerlis werfe, nach denen Luzi sucht. Dadurch kann ich ihre Aufregung umlenken. Das klappt sehr gut – es sei denn, es ist irgendwas anders als sonst. Wenn zum Beispiel einer der Nachbarshunde auf der Straße unterwegs ist, oder wenn am Wochenende mein Mann mit auf den Spaziergang kommt, dann ist das für unsere kleine Autistin wieder zu viel Veränderung, und sie fängt mit ihrem ohrenbetäubenden Gekreische an. Ja, auch jetzt noch, im Alter von neun Jahren. Ich fürchte, das wird nie aufhören.

Wenn ihr irgendwas nicht schnell genug geht, äußert sie das nach wie vor in allen möglichen Tonlagen. Gehen wir nicht schnell genug Gassi, wird die Terrassentür nicht schnell genug geöffnet, steht der Futternapf nicht schnell genug auf dem Boden, kommt einer von uns nicht schnell genug von der Arbeit nach Hause (auch wenn der andere zu Hause ist, das ist völlig egal), sogar wenn wir nach dem Abschalten des Fernsehers nicht schnell genug ins Bett gehen – alles wird von Luzis Gewinsel und Gejaule begleitet. Ich sage oft, Luzi ist eine typische Deutsche: Egal, wie gut es ihr geht, sie hat immer was zu jammern.

Kennen Sie das Placebo-Cover des Songs „Where is my Mind“ von den Pixies? Ich mache oft Witze darüber, dass Luzi und ich damit als Duett auftreten könnten. Sie beherrscht das begleitende „Uuuuhuuuh“ perfekt und hat sogar die exakte Tonlage drauf. Ich kann mir Luzi ohne ihr tägliches Gejammer und Genörgel gar nicht mehr vorstellen. Wenn sie damit mal aufhören sollte, ist sie bestimmt krank.

Fahren wir zum Gassigehen irgendwohin, dann wird diese Fahrt stets von Luzi lautstark kommentiert. Sie fängt mit leisem Gewinsel an und steigert sich über Jaulen bis hin zu hysterischem Getriller, das einem verrückt gewordenen Kanarienvogel ähnelt. Man muss sie dabei tatsächlich verbal unterbrechen, sonst wird sie immer hysterischer und kann sich irgendwann selbst nicht mehr stoppen. Nach der Unterbrechung maunzt sie wie ein todtrauriges Kätzchen, bevor sie dann wieder mit ihrer Jaul-Tirade beginnt.

Die Rückfahrt dagegen ist immer angenehm ruhig. Wenn sie weiß, dass es nach Hause geht, gibt es für Luzi keinen Grund zur Aufregung, und sie entspannt sich.

Seit ein paar Jahren ist Luzi zu Hause sogar in der Lage, sich selbstständig nach oben ins Schlafzimmer zurückzuziehen. Das ist ein großer Fortschritt, nachdem sie mich in der Anfangszeit immer auf Schritt und Tritt verfolgt hatte, und ich freue mich sehr darüber.

Wenn sie oben schläft, ist sie aber trotzdem ständig mit einem Ohr wach. Gehe ich abends ins Badezimmer und öffne meine Zahnpastatube, bewegt Luzi sich nicht. Öffne ich aber ihre Zahnpastatube, dann kommt sie sofort angerannt. Selbst oben im ersten Stock hört sie genau den Unterschied.

Luzi ist auch nach wie vor absolut kuschelverrückt und lässt sich durch Massage und Streicheleinheiten wunderbar beruhigen. Sie liebt vor allem ihre Wellnessmassage, bei der ich oben in der Mitte des Kopfes beginne und dann die gesamte Wirbelsäule runter massiere. Das fordert Luzi täglich ein, indem sie sich in der passenden Haltung vor mich setzt. Und ich merke, wie gut es ihr tut und wie es zu ihrer Entspannung beiträgt. Bei einem so verrückten Hund wie Luzi darf man solche Chancen niemals ungenutzt lassen.

Alles in allem ist unser Leben inzwischen gut eingespielt. Der Alltag läuft wunderbar. Wir kennen Luzis Macken und kommen damit zurecht, und solange nichts Ungewöhnliches passiert, ist es auch lange nicht mehr so schlimm wie früher.

Was wir uns mit Luzi abschminken können, sind Ausflüge und Urlaubsreisen. Wer mit Luzi etwas unternimmt, was vom Alltag abweicht, der ist schlicht und einfach selbst schuld, wenn er am Ende des Tages mit einem Trommelfellschaden, Schulterschmerzen und einem gereizten Nervenkostüm dasteht.

Vor zwei Jahren waren wir das letzte Mal im Urlaub (in einem abgelegenen Ferienhaus, etwas anderes ist mit Luzi völlig undenkbar) und haben von dort aus einen Ausflug in den Bärenwald Müritz gemacht, der der Tierschutzstiftung Vier Pfoten angehört. Luzi hat vom Rausspringen aus dem Auto bis zum Eingang des Bärenwaldes den gesamten Parkplatz und Vorplatz derartig zusammengeschrien, dass die Menschen entsetzt in alle Richtungen weggestoben sind und uns angeschaut haben, als würden wir dem Hund den Bauch aufschlitzen. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn genauso hört sich das auch an.

Mein Mann wollte schon umdrehen und wieder fahren, aber ich wollte unbedingt den Park sehen, und nach einer Viertelstunde hatte Luzi sich dann auch wieder so weit im Griff, dass sie nur noch in die Leine gesprungen und daran gezerrt hat. Und glauben Sie mir, im Gegensatz zu dem Gekreische ist das eine geradezu angenehme Alternative.

Obwohl uns Luzis Verhalten ohne Ende Nerven kostet, denke ich, dass es für sie selbst sogar etwas Positives ist. Sie ist sehr stressanfällig und nimmt neue Reize ungefiltert auf. Das belastet sie sehr. Dadurch, dass sie diese Belastung aber sofort in Aktivität (Rennen, Springen, uns in die Arme beißen) und Gekreische umsetzt, schadet ihr das nicht. Das ist ihre Art, den Stress direkt wieder loszuwerden. Und das ist aus ihrer Sicht absolut effektiv.

Luzi ist der gesündeste Hund, den ich jemals hatte. Sie ist jetzt neun Jahre alt, und abgesehen von Impfungen und kleinen Pfotenverletzungen hatte ich noch niemals einen Grund, mit ihr zum Tierarzt zu fahren. Körperlich ist sie kerngesund. Geistig – naja, Sie wissen schon … Meine Vermutung ist, dass ihr gutes Immunsystem viel damit zu tun hat, wie sie mit Stress umgeht. Ihr Gezappel und Geschrei wirkt wie ein Blitzableiter, und so kann der Stress ihr nicht schaden.

Dass sie unsere Nerven damit teilweise überstrapaziert, ist natürlich etwas anderes, aber darüber denkt ein Hund ja nicht nach. Das wäre nun wirklich zu viel verlangt.

(Inga Jung, Dezember 2017)

„Protestpinkeln“

Ich bekomme hin und wieder Anrufe von Menschen, deren Hund unsauber ist. Die Hunde setzen Kot oder Urin ausschließlich oder ab und zu in der Wohnung ab – manchmal sogar auf dem Sofa oder dem Bett der Bezugsperson.

Sehr schnell heißt es dann aus dem Bekanntenkreis und – was ich persönlich besonders erschreckend finde – sogar aus dem Mund des behandelnden Tierarztes, der es eigentlich besser wissen sollte: „Das macht der Hund aus Protest, er ist aufmüpfig, er will euch heimzahlen, dass ihr ihn für eine Stunde allein gelassen habt …“

Dies aber ist eine absolut menschliche Sichtweise. Nur Primaten, die wir alle schließlich sind, kommen auf die Idee, aus Protest irgendwo Kot abzusetzen – die Steigerung dessen wäre noch, damit zu werfen, was einige unserer Verwandten in Zoos manchmal auch tun.

Nein, lösen wir uns von diesem menschlichen Denken und versetzen wir uns in die Psyche des Hundes. Einem Hund ist es grundsätzlich zuwider, seinen engeren Lebensraum zu verschmutzen. Wenn er es irgendwie vermeiden kann, wird ein Hund nicht die eigene Wohnung verunreinigen. Viele Hunde nutzen dafür noch nicht einmal den eigenen Garten, selbst wenn der Besitzer dies gern hätte, weil sie das als unhygienisch empfinden. Hunde sind sehr darauf bedacht, vor allem ihren Kot an Stellen zu platzieren, die nicht zum Wohnbereich gehören. Es sei denn, sie können nicht anders.

Das heißt: Wenn wir einen Hund vor uns haben, der die Wohnung beschmutzt, dann müssen wir uns nicht fragen, wen er damit ärgern will, sondern wir müssen uns fragen, warum er nicht anders kann.

Als Erstes heißt es hier, organische Ursachen auszuschließen. Denn wenn ein Hund inkontinent ist, kann er den Urin einfach nicht halten und wird diesen überall in der Wohnung verlieren. Da hilft das beste Training nichts. Es gibt auch Erkrankungen, die die Funktionalität des Schließmuskels einschränken, in dem Fall wird der Hund unkontrolliert Kot verlieren. Hat man dann einen Tierarzt wie den oben erwähnten, der einen grinsend mit dem Hinweis auf „Protestkacken“ wieder nach Hause schickt (alles schon bei Kunden erlebt), dann gibt es nur eines, was man tun kann: dringend den Tierarztwechseln!

Sind organische Ursachen ausgeschlossen, dann müssen wir uns die Psyche des Hundes ansehen. Viele Hunde, die unsauber sind, haben Angst, sich draußen zu erleichtern. Oder sie sind draußen zu aufgeregt und abgelenkt. Oder beides.

Vor allem wenn der Hund sich auf dem Bett oder dem Lieblingsplatz seiner Bezugsperson erleichtert, ist das ein starkes Indiz dafür, dass er nach Sicherheit und Geborgenheit sucht. Das ist ein Hilferuf und muss von uns als solcher erkannt werden.

Denn man muss sich vor Augen halten, dass ein Hund gerade im Moment des Kotabsetzens sehr angreifbar ist. Daher wird er das nur tun, wenn er sich sicher fühlt. Viele Hunde, die aus schlechten Verhältnissen stammen, zeigen diese Probleme. Ist ein geschlossener Garten vorhanden, gehen sie meist dorthin. Ist dies aber nicht der Fall, dann fühlen sie sich gezwungen, dies in der Wohnung zu erledigen. Auch für die Hunde ist dies sehr belastend, denn sie möchten eigentlich nicht ihren Wohnbereich verschmutzen. Strafe wäre absolut unangebracht und kontraproduktiv. Stattdessen gilt es herauszufinden, warum der Hund sein Geschäft nicht draußen erledigen kann, und ihm zu helfen.

Und als Letztes gibt es natürlich noch den Rüden, der in der Nachbarschaft von läufigen Hündinnen umgeben ist und so von Hormonen überquillt, dass er anfängt, in der Wohnung zu markieren. Auch das kommt selbstverständlich vor.

Ebenso ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Rüde, der die Wohnung einer Hündin betritt, dort markiert. Oder eine ältere Hündin, die die Wohnung einer jüngeren Hündin betritt.

Das Markierverhalten fällt allerdings nicht in den Bereich Unsauberkeit, sondern das ist Normalverhalten, welches man durch ein bisschen eigene Aufmerksamkeit gut in den Griff bekommt.

(Inga Jung, verfasst Ende November 2013)

 

 

Buchtipp: „Hab keine Angst, mein Hund“

Neulich habe ich das Buch „Hab keine Angst, mein Hund. Ängste bei Hunden erkennen und abbauen“ von Rolf C. Franck und Madeleine Grauss (inzwischen Madeleine Franck) wiederentdeckt. Das Buch ist aus dem Jahr 2008 und somit schon etwas älter, aber immer noch absolut aktuell und wirklich empfehlenswert.

Zu Beginn gehen Rolf und Madeleine auf den biologischen Sinn von Ängsten und auf ihre Entstehung ein. Sie beschreiben, was enorm wichtig ist, dass Angst immer mit Erregung einhergeht. Und je stärker die Erregung ist, desto heftiger die Angst. Und desto schwieriger ist es, den Hund noch zu erreichen. Das heißt, an der Angst muss immer in den Situationen gearbeitet werden, in denen die Erregung des Hundes noch nicht so stark ist, in denen er noch ansprechbar ist. Versucht er schon zu fliehen oder anzugreifen, dann ist die Angst zu heftig und keine Arbeit an dem Verhalten mehr möglich.

Es wird gezeigt, was man auf keinen Fall tun sollte, zum Beispiel die Angst des Hundes ignorieren oder ihn zwingen, sich dem Angstauslöser zu nähern. Beides schadet dem Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Hund und verstärkt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Angst.

Auch dass der Hund ein sicheres Umfeld zu Hause braucht, in dem er sich wohl fühlt und seine Bedürfnisse erfüllt werden, wird nicht vergessen. Ebenso dass der Mensch immer der „sichere Hafen“ sein muss, zu dem der Hund sich voller Vertrauen flüchten kann und darf.

Dann geht es weiter mit den Trainingstechniken, die in den verschiedenen Situationen hilfreich sind. Dabei werden typische Ängste und dafür geeignete Trainingstechniken beschrieben. Alles natürlich gewaltfrei und auf das Tempo des einzelnen Hundes abgestimmt.

Mir persönlich kommt nur eine einzige Sache in diesem Buch etwas zu kurz, nämlich dass man als Mensch an sich selbst arbeiten muss. Jeder, der mal mit einem ängstlichen, reaktiven Hund unterwegs war, kennt das: Man sieht oder hört den Auslöser der Angst und denkt unwillkürlich „oh nein!“. Das wiederum zieht körperliche Reaktionen nach sich, der Herzschlag beschleunigt sich, man bewegt sich anders, man wird nervös, man nimmt die Leine kürzer und so weiter.

Das ist ganz normal. Aber man macht es dem Hund dadurch unnötig schwer, denn wie soll er denn gelassen auf einen Angstauslöser reagieren, wenn sein Mensch ebenfalls Schweißausbrüche bekommt? Das bedeutet: Ich muss an mir arbeiten. Ich muss lernen, tief durchzuatmen und mich bewusst zu entspannen, um meinem Hund zu helfen.

Jeder kann das. Und wenn man das erst einmal gelernt hat, dann hilft es einem auch in vielen anderen aufregenden Situationen, zum Beispiel im Job, weiter. Es lohnt sich also doppelt, sich auch mit sich selbst und seinen eigenen Reaktionen auseinanderzusetzen und nicht immer nur auf den Hund zu schauen.

Von diesem einen Punkt abgesehen, finde ich das Buch absolut gelungen. Es ist durch die vielen Erläuterungen und praktischen Beispiele eine große Hilfe für Menschen mit Hunden, die ihr Heil bisher in Flucht oder Angriff gesucht haben und ihre Ängste nun langsam abbauen sollen.

(Inga Jung, Juli 2017)