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Angst kann man sich nicht einfach abgewöhnen

Unser kleiner Marty hat sich zu einem lustigen jungen Hund entwickelt, der die meiste Zeit fröhlich und ausgeglichen ist. Er liebt Spaziergänge über alles, ist neugierig und offen, erkundet fremde Gegenstände und schnuppert gespannt den Wildspuren hinterher. Er legt für sein Leben gerne kurze Sprints ein, ist übermütig und lebensfroh.

Aber er hat immer noch große Angst vor fremden Menschen. Vor allem vor Männern. Vor Männern, die ein bestimmtes Aussehen haben. Vor fremden Menschen, die Interesse an ihm zeigen und ihn ansprechen. Und ganz besonders vor Besuchern hier in seinem sicheren Zuhause.

Unser Haus ist Marty Wohlfühlort, sein Rückzugsort. Hier kann er schlafen und sich entspannen. Hier kann er sich rekeln und sich den Bauch kraulen lassen. Wenn an diesen sicheren Ort plötzlich ein Besucher kommt, gerät Martys Welt ins Ungleichgewicht. Das Konzept „Besuch“ ist einem Hund wie Marty fremd. Er hat den Menschen schließlich nicht eingeladen, das waren wir. Wir haben einfach so beschlossen, dass der unser Haus betreten darf, und Marty kann nichts dagegen tun. Er ist dem völlig ausgeliefert.

Für einen Hund, der Angst vor Menschen hat, fühlt sich Besuch ähnlich an, wie es sich für uns anfühlt, wenn auf einmal ein Einbrecher mit gezogenem Messer im Raum steht. Der Hund fühlt sich bedroht, ausgeliefert, machtlos, in die Ecke gedrängt. Das Haus, das zuvor sein sicherer Rückzugsort war, wird auf einmal zur Falle, aus der es kein Entkommen gibt. Die Angst übernimmt die Kontrolle. Es ist kein Wunder, dass es in so einer Situation immer mal wieder zu Beißunfällen kommt.

Nun haben wir einen Kumpel, der uns seit einiger Zeit fast wöchentlich besucht. Wenn Marty nur seine Stimme hört, flippt er schon aus, weil er genau weiß, dass der bei uns ins Haus kommt. Und das ist für Marty der absolute Horror.

Um ihm den Stress möglichst zu nehmen, bleibt Marty während der Zeit, in der der Besuch bei uns ist, in meinem Arbeitszimmer. Dort hält er sich sehr gern auf. Er hat da sein Hundebett und einen Wassernapf, ein Kindergittter sorgt für Sicherheit, zusätzlich kann man natürlich auch die Tür schließen, und das Arbeitszimmer liegt in einer „Sackgasse“ unseres Flures, so dass dort niemand vorbeigeht. So kann Marty relativ ruhig und vor allem sicher abwarten, bis der Besuch wieder weg ist. Und wenn ich an dem Tag arbeiten muss, bin ich auch die ganze Zeit bei ihm. Das ist dann natürlich optimal für ihn.

Neulich machte unser Kumpel, dem es natürlich leidtut, dass Marty immer so einen Stress mit seinem Besuch hat, einen Vorschlag. Er fragte, ob Marty schon an einen Maulkorb gewöhnt sei. Denn dann könnte ich Marty doch einfach den Maulkorb aufsetzen und ihn im Haus laufen lassen. Er hatte nämlich, bevor wir das Kindergitter eingebaut hatten, schon die Erfahrung gemacht, dass Marty Scheinangriffe gegen ihn gestartet hatte, wenn er sich in der Nähe des Arbeitszimmers bewegte. Gebissen werden wollte er auf keinen Fall, aber mit dem Maulkorb war die Gefahr aus seiner Sicht gebannt und somit alles in Ordnung. Und er dachte, dann werde sich Marty schon an seine Anwesenheit gewöhnen und merken, dass ihm nichts getan wird.

Ich lachte, weil ich das für einen Witz hielt. Doch an seiner Reaktion merkte ich, dass er es durchaus ernst gemeint hatte, und das brachte mich zum Nachdenken, ob nicht ein Blog-Beitrag zu dem Thema angebracht wäre. Besagter Kumpel hat nämlich auch schon sein ganzes Leben lang Hunde und ist kein Neuling auf dem Gebiet. Dass er sich nicht vorstellen konnte, dass so ein Vorschlag im Grunde eine Anleitung zum Thema „Wie zerstöre ich möglichst schnell das Vertrauen meines Hundes“ ist, machte mich nachdenklich.

Warum bin ich dieser Meinung? Nun, ganz einfach. Die Zähne sind die einzige Waffe, die Marty gegen den Angstauslöser hat. Erinnern wir uns nur einmal an das Bild des Einbrechers, der mit gezogenem Messer vor uns steht. Haben wir selbst eine Waffe (und sei es nur die Bratpfanne), dann fühlen wir uns nicht ganz wehrlos. Wir haben vielleicht noch die Möglichkeit, den Eindringling mit viel Gebrüll aus dem Haus zu jagen. Sind hingegen unsere Hände gefesselt, dann ist das eine ganz andere Situation. Wir haben keine Möglichkeit mehr, dem Einbrecher irgendetwas entgegenzusetzen. Unsere Angst steigert sich ins Unermessliche.

Ich würde also, diesem Vorschlag folgend, Marty seine einzige Möglichkeit der Verteidigung nehmen. Das allein wäre vielleicht noch nicht dramatisch, wenn ich ihm trotzdem weiter beistehen würde. Aber das tue ich nicht. Ich setze ihn der bedrohlichen Situation aus und sage, so, jetzt sieh zu, wie du klarkommst. Arrangiere dich mit der Situation, eine andere Möglichkeit hast du nicht. Dein Rückzugsraum bietet dir keinen Schutz mehr, alle Türen im Haus sind offen, und der Besucher bewegt sich frei im Haus. Du kannst nichts dagegen tun, und weglaufen kannst du auch nicht. Und ich helfe dir nicht.

Was glaubt ihr wohl, was passieren wird? Wird Marty durch so eine Maßnahme seine Angst verlieren? Wird er merken, dass ihm nichts passiert, und sich an den Besucher gewöhnen?

Viel wahrscheinlicher ist doch, dass sich seine Angst ins Unermessliche steigert. Entweder wird er diesen Menschen, der ihm jetzt so bedrohlich erscheint, sein Leben lang als höchst gefährlich einstufen und bei der ersten Gelegenheit doch wieder angreifen. Oder er wird in die erlernte Hilflosigkeit fallen und sich seinem Schicksal ergeben, weil er weiß, dass es aus der Situation kein Entkommen gibt. Aber die Angst wird so oder so bleiben. Vor allem bei einem Hund, der so sensibel ist wie Marty und der ganz offensichtlich in seiner Jugendzeit traumatische Erlebnisse mit Männern hatte.

Aber soll Marty jetzt sein Leben lang im Arbeitszimmer bleiben, wenn Besuch da ist?  – Nein, das ist natürlich nicht gesagt.

Das Problem ist, dass die meisten Menschen einfach keine Geduld haben. Sie wollen Erfolge, und sie wollen sie schnell. Aber das Verändern von Gefühlen ist nun mal etwas, das nicht von heute auf morgen passiert. Das braucht Zeit und ein ganz langsames, schrittweises Vorgehen. Traumatisierte Menschen sind in der Regel viele Jahre lang in Therapie und brauchen sehr, sehr lang, bis sie sich den einschneidenden Erfahrungen in ihrer Vergangenheit überhaupt stellen können. Und ein traumatisierter Hund, der noch viel weniger zur Selbstreflexion fähig ist als ein Mensch, der soll das von heute auf morgen können? Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?

Ich treffe häufig auf dem Spaziergang Männer, die Marty niedlich finden und ihn zu sich locken wollen. Wenn ich dann sage, dass er nicht zu ihnen gehen wird, weil er Angst hat, scheint das unerklärlicherweise bei vielen einen plötzlichen Ehrgeiz zu wecken. Da kommen dann Sprüche wie: „Ha, das ist eine Sache von fünf Minuten. Ich bring dann mal Futter mit, und dann kommt der sofort.“ Ja, sicher. Träum weiter.

Was ist das für eine Profilierungssucht, die viele Männer haben? Gibt ihnen das einen Kick, wenn sie von sich behaupten, sie seien die Hundeflüsterer, die den ängstlichen Hosenschisser aus Rumänien bekehrt haben? Das sind wohlgemerkt wildfremde Leute, die ich vorher noch nie gesehen hatte und die auch gar nichts mit uns zu tun haben. Ich finde so ein Verhalten absolut anmaßend. Schließlich kennen sie weder mich noch Marty und wissen überhaupt nichts über uns.

Genausowenig wie diese besserwisserische Frau, die vor einem Jahr, als Marty noch Angst vor einer recht belebten Straßenecke im Nachbardorf hatte (die übrigens schon wenige Wochen später überhaupt kein Problem mehr darstellte), im Stechschritt auf uns zugestampft kam und mir in bestimmendem Tonfall erklärte, ich würde die Angst meines Hundes verstärken, wenn ich ihn streichele. Voller Überzeugung warf sie mir all diese alten, längst von der Wissenschaft widerlegten Kamellen an den Kopf und dachte offenbar ernsthaft, sie würde damit ein gutes Werk tun. Was sie dagegen tat, war, Marty durch ihr forsches Auftreten zu verunsichern, mich zu verärgern und uns das Training für diesen Tag komplett zu zerstören. Denn ich war nach der Begegnung so sauer, dass ich unmöglich noch weiter Ruhe und Sicherheit ausstrahlen konnte.

Warum ich das jetzt auch alles erwähne? Ich möchte mit diesem Blog-Beitrag darauf aufmerksam machen, wie leicht es ist, sich von Außenstehenden dazu überreden zu lassen, ganz gewaltige Fehler zu machen. Ich bin froh, dass ich meine Ausbildung habe, dass ich dank meines ganzen Vorwissens weiß, was ich tue. Dass ich weiß, was meinem Hund hilft und was ihm schadet. Dass ich weiß, wie ich ihn vor der Welt beschütze und wie ich sein Vertrauen in mich stärke.

Aber nicht jeder Mensch, der einen ängstlichen Hund an seiner Seite hat, hat diesen Erfahrungshintergrund und das theoretische Wissen. Dann lässt man sich schnell verunsichern und hört auf die Tipps von Menschen, die sich selbst darstellen, als seien sie die absoluten Profis und wüssten genau, wovon sie reden. Statt auf sein Bauchgefühl zu hören, denkt man dann über die vermeintlich stichhaltigen Argumente nach und tut Dinge, die man später bereut.

Ich kann immer nur an jeden appellieren sich zu überlegen, wie es einem selbst in der Situation gehen würde, in der der Hund gerade ist. Die Perspektive des Hundes einzunehmen (auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn die meisten Hunde sind viel näher am Boden als wir, und von dort sieht die Welt ganz anders aus). Stellt euch vor, ihr selbst hättet panische Angst vor dieser einen Sache, vor der euer Hund Angst hat. Was würde euch in der Situation helfen? Und was nicht? Was lässt die Angst weniger werden und was macht sie größer?

Empathie und Bauchgefühl sind so wichtig für unser Zusammenleben mit dem Hund. Wenn euch irgendwer zum Beispiel sagt, ihr sollt die Angst eures Hundes ignorieren, dann fragt euch: Wenn ich mein Hund wäre, würde mir das dann helfen? Oder würde ich mich dadurch eher alleingelassen fühlen?

Oft ist es ganz einfach, die richtigen Antworten zu finden, wenn man sich nur in die Gefühlswelt des Hundes hineinversetzt und überlegt, was ihm helfen würde, eine Situation positiver zu erleben. Denn so unterschiedlich ist das Gefühlsleben von Hund und Mensch gar nicht. Deswegen lieben wir einander schließlich so sehr.

Übrigens hat Marty neulich einen großen Fortschritt gemacht, davon möchte ich abschließend noch erzählen. Ich habe vor ein paar Tagen durch Zufall auf einem Waldparkplatz in unserer Nähe eine befreundete Hundetrainerin getroffen. Wir hatten unsere Hunde, bis auf Marty, schon in die Autos geladen, standen mit einigen Metern Abstand zueinander und unterhielten uns. Nach einer Weile schlenderte Marty wie zufällig vorsichtig im Bogen auf sie zu und schaute sie aufmerksam an. Da ich wusste, dass von dieser Person ganz bestimmt keine unbedachte Reaktion kommt, die Marty verunsichern würde, ließ ich ihn gewähren.

Zum Hintergrund müsst ihr wissen, dass ich von Anfang an hin und wieder mit Marty und einer Freundin mit ihrem Hund zusammen spazieren gegangen bin. Marty kennt es, dass besagte Freundin immer bessere Leckerlis hat als ich, und dass sie diese auch großzügig verteilt. Und offenbar hat er sich überlegt, dass diese neue Frau vielleicht auch gute Leckerlis hat. So hat er sich ein Herz gefasst und sich ihr ganz allein angenähert. Ohne dass ich mitging. Das war so großartig. Und da es sich um eine Hundetrainerin handelte, die mit positiver Verstärkung arbeitet, hatte er das unfassbare Glück, dass sie tatsächlich tolle Leckerlis in der Tasche hatte und Marty groß abstauben konnte. Wie wunderbar!

Nach diesem tollen Erfolgserlebnis mit einer für ihn wildfremden Frau kam Marty wieder glücklich auf mich zugehopst und wollte erst mal kuscheln. Ich war so stolz auf meinen Kleinen.

Ich denke, mit meiner Freundin kann ich nach einem gemeinsamen Spaziergang auch schon mit dem Besuchertraining anfangen. Wenn sie mit in unser Haus kommt, wird er sicher wenig Unsicherheit zeigen. Und darauf aufbauend könnten wir dann mit weiteren Frauen üben. Dumm nur, dass sich dafür immer jemand die Zeit nehmen und zu uns rausfahren muss. Mal sehen, wie oft sich solche Gelegenheiten bieten. Wenn wir das ab und an wiederholen, werden Frauen sicher bald kein Problem mehr sein. Bei Männern bin ich noch nicht so optimistisch. Aber wir haben ja noch viele gemeinsame Jahre Zeit. Nur Geduld, das wird schon.

Inga Jung (Juni 2022)

Kleiner Hund gegen den Rest der Welt

Unser kleiner Marty hat seit ein paar Monaten eine neue Strategie entdeckt: das aktive Vertreiben seiner Angstauslöser.

Und wer kennt das nicht, gerade jetzt, wo wieder ein Krieg in Europa tobt und wir uns alle Sorgen um die Zukunft machen: Das Schlimmste, was uns im Angesicht eines Angstauslösers passieren kann, ist Hilflosigkeit. Wir möchten etwas tun, wir möchten aktiv werden, wir möchten den Angstauslöser vertreiben, damit er weggeht und wir uns wieder sicher fühlen können.

Genau das tut Marty, wie so viele andere Hunde auch: Ein Auto kommt angefahren, es fährt am Gartenzaun vorbei, Marty stürzt bellend an den Zaun, und das Auto entfernt sich wieder. Marty hat es aktiv vertrieben und fühlt sich groß und stark. Ziel erreicht. Ein absolut selbstbelohnendes Verhalten.

Dabei ist es interessant zu sehen, wer angebellt wird. Es sind nur Autos und Transporter, aus denen (vom Typ her) schon mal Menschen ausgestiegen sind und bei uns geklingelt haben. Also Post- und Paketboten, Handwerker oder Besucher. Das gelbe Postauto ist dabei Martys ganz persönlicher Erzfeind, weil das wirklich jeden Tag auftaucht und bei ihm immer wieder die Angst auslöst, dass der böse Postbote womöglich ins Haus kommt. Auf dieses Auto geht er sogar wie ein Irrer los, wenn es uns auf dem Spaziergang begegnet, was er bei anderen Autos nicht tut. Fremde Menschen, die möglicherweise in sein sicheres Zuhause kommen könnten, sind Martys absoluter Alptraum.

Es werden keine Trecker und keine LKW angebellt. Menschen in Treckern und LKW sind ungefährlich, die haben uns noch nie besucht.

Es werden auch keine Spaziergänger mit Hund angebellt, es sei denn, die Menschen gehen sehr nahe an den Zaun, schauen Marty direkt an oder sprechen ihn an. Gegen Hunde hat er nichts. Selbst wenn die ihn anbellen, schaut er nur und bellt nicht zurück. Und er ist auch überhaupt nicht territorial veranlagt, es geht ihm nicht um den Schutz von Haus und Garten, es geht ihm nur um Selbstschutz.

Es sind die Menschen, die er auf Abstand halten möchte. Menschen findet er einfach gruselig. Männer noch mehr als Frauen.

Und ich kann es ihm nicht verdenken, er hat schließlich Recht. Das einzige Tier auf diesem Planeten, das absichtlich grausam ist, ist der Mensch. In Bezug auf dieses Verhalten hat unsere Spezies ein absolutes Monopol. Der aktuelle Krieg in Osteuropa bestätigt das gerade mal wieder auf besonders deutliche Weise. Also was soll ich Marty erzählen? Dass alle Menschen nett sind? Sind sie nicht. Seine Ängste sind nicht unbegründet.

Natürlich finde ich die Kläfferei nicht gut, zumal sich Marty dabei auch im Haus manchmal richtig in Stress kläfft, immer mehr auf Geräusche von draußen lauscht und aus dem Fenster schauend regelrecht nach auffälligen Bewegungen sucht. Vor allem wenn es ihm körperlich nicht so gut geht, er Bauchweh hat oder irgendwelche anderen Befindlichkeiten, reagiert er immer sensibler. Dann muss ich manchmal alle Fenster schließen, Rollos runterziehen und Hintergrundmusik anmachen, um ihn von den Reizen, die ihn gerade so überfordern, abzuschirmen. Erst dann kommt er wieder zur Ruhe.

Was hilft, ist Sonne. Wenn die Hunde hier den ganzen Vormittag entspannt in der Sonne gelegen haben, ist Martys Bedürfnis, sich über vorbeifahrende Autos aufzuregen, sehr gering. Er ist dann so ausgeglichen, dass es schon starker Reize wie Stimmen direkt vor der Tür oder das Klappern des Briefkastens bedarf, um ihn aus der Reserve zu locken.

Ich tue viel, damit die Hunde – vor allem Marty – ausreichend Schlaf und Entspannung bekommen. Das ist enorm wichtig für das innere Gleichgewicht. Außerdem haben für Marty zumindest bei schönem Wetter seine Spaziergänge mit viel Zeit zum Schnüffeln und Beobachten einen hohen Stellenwert. Bei Regenwetter haben beide Hunde oft den Spaziergang verweigert, daher war die Kläfferei im Februar, als es wochenlang nur regnete, auch besonders schlimm, während sie sich jetzt im März, nachdem nun schon seit drei Wochen fast durchgehend die Sonne scheint, stark reduziert hat. Solche Einflüsse darf man einfach nicht unterschätzen, das Allgemeinbefinden der betroffenen Hunde ist bei solchen Problemen essenziell.

Wie trainiere ich nun mit Marty und wie bringe ich ihm ein passendes Alternativverhalten bei?

Tja, das ist nicht so einfach, weil er überhaupt nicht über Futter oder Spiel zu motivieren ist. Selbst wenn er ganz entspannt ist und keine Angst hat, interessieren ihn Futter und Spielzeug wenig. Das Einzige, was bei ihm hilft, ist Körperkontakt, ruhiges Ausstreichen über den Rücken und Ansprache mit ruhiger Stimme. So kann ich ihn hier im Haus immer sehr schnell wieder erden. Und aus dem Garten kommt er auf Rückruf zuverlässig wieder zurück ins Haus, auch wenn er gerade am Bellen ist. Das sind momentan die einzigen Ansätze, die wirklich helfen. Ich muss nur schnell sein, denn je länger er bellt, desto mehr übt er natürlich dieses Verhalten als Strategie ein. Da muss ich noch an mir arbeiten, in solchen Momentan wirklich alles stehen und liegen zu lassen, egal was ich gerade mache.

Am besten wäre es natürlich, vorausschauend bei jedem potenziell aufregenden Geräusch zu Marty zu gehen und ihn zu streicheln, damit er gar nicht erst anfängt zu bellen. Aber das klappt im Alltag natürlich nur selten, weil ich die Auslöser meist nicht vorhersehen kann.

Sichere Rückzugsorte, an denen Marty sich wohl fühlt, haben wir mehrere im Haus, aber er ist noch zu unsicher, um wirklich darauf vertrauen zu können, dass ihm dort auf keinen Fall etwas passieren wird, falls fremde Menschen hier hereinkommen sollten.

Wenn tatsächlich mal jemand zu Besuch kommt, was aktuell schon allein wegen der Pandemie sehr selten passiert, dann hat Marty ein festes Zimmer mit seinem Hundebett und allem, was er braucht, zu dem Besucher keinen Zutritt haben. Und auch sonst setze ich im Alltag natürlich viel Management ein. Gehen wir zum Beispiel an fremden Menschen vorbei, gehe ich zwischen Marty und den Menschen, damit er so viel Abstand bekommt wie er braucht. Er wird auf keinen Fall zur Kontaktaufnahme gezwungen und darf für ihn unheimliche Situationen in Ruhe mit ausreichend Abstand beobachten.

Das alles kenne ich schon von meinen ersten Jahren mit Luzi, die anfangs auch große Probleme mit fremden Menschen hatte. Das ist nicht wirklich neu für mich. Nur hatte ich damals den Luxus, dass Luzi in diesen Situationen Futter annehmen konnte und ich dadurch schneller eine positive Verknüpfung herstellen und gleichzeitig gutes Verhalten belohnen konnte.  

Mein Traum wäre, dass Marty vielleicht irgendwann auch im Angesicht fremder Menschen ein paar Käsewürfel (das einzige Leckerli, das er wirklich gern mag) annehmen kann und das dann auch als Belohnung empfindet. Das würde uns deutlich mehr Möglichkeiten im Training eröffnen. Aber das wird wohl noch eine ganze Weile dauern.

(Inga Jung, März 2022)

Der Hausfrieden ist wieder hergestellt

Seit Anfang November hat sich die Lage beruhigt. Marty hat Toni inzwischen in den unterschiedlichsten Situationen beobachtet und festgestellt, dass der manchmal aus sehr merkwürdigen und für Martys Verständnis einfach nicht nachvollziehbaren Gründen bellt. Und dass Herrchen in dem Moment wohl doch gar keine Bedrohung darstellt.

Außerdem haben wir natürlich mit gutem Management und vielen kleinen Käsewürfeln aktiv dazu beigetragen, dass sich Martys Gefühlslage angesichts Tonis Gebell wieder beruhigt hat. Mein Mann kann sich jetzt wieder frei im Haus bewegen und muss nicht mehr befürchten, dass Marty plötzlich knurrend auf ihn zugestürzt kommt. Marty geht ihm wieder respektvoll aus dem Weg, so wie er es schon vor Tonis Einzug gemacht hat, aber wirkliche Angst hat er vor Herrchen nicht mehr. Somit ist der Hausfrieden zunächst wieder hergestellt.

Wenn Toni, der ein absolutes Papa-Kind ist, spielerisch von meinem Mann durchgeknuddelt wird, steht Marty dabei und guckt skeptisch zu. Was er davon halten soll, weiß er ganz offensichtlich noch nicht. Aber Toni macht es eindeutig Spaß, also scheint es wohl ungefährlich zu sein.

Marty hat eine detaillierte Beobachtungsgabe und kommuniziert selbst sehr fein. Toni dagegen ist kommunikativ eher ein Grobmotoriker. Marty setzt seinen gesamten Körper ein, um seine Gefühle auszudrücken. Toni stellt sich einfach hin und bellt, wenn er irgendwas will. Das macht er mit Menschen und mit Hunden so. Dieses Verhalten kommt nicht überall gut an und erzeugt zwischen den beiden (und auch zwischen Toni und manchen Hunden, denen wir draußen begegnen) noch das eine oder andere Missverständnis. Toni stört das nicht, er ist da ganz gelassen. Marty verunsichert es manchmal aber doch sehr.

Zum Beispiel haben die beiden ein paar Mal versucht, miteinander zu spielen. Aber wenn Toni hinter Marty herrennt, bellt er dabei immer. Typisch Terrier. Marty deutet das allerdings nicht als Bestandteil des Spiels, sondern bekommt fürchterliche Angst und verfällt in seine altbekannte Schockstarre. Toni steht dann vor ihm und bellt weiter, damit Marty wieder losrennt. Was Marty allerdings erst so richtig in Panik versetzt. Diese Situationen muss ich immer auflösen, indem ich ein paar Leckerlis streue und die Hunde auf andere Gedanken bringe, denn Marty ist in seiner Panik nicht in der Lage, das selbst zu lösen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass er in dem rumänischen Tierheim, in dem er aufgewachsen ist, oft von anderen Hunden gemobbt wurde, und dass ihn solche Situationen daran erinnern.

Ich hoffe sehr, dass im Laufe der Zeit das Vertrauen zwischen den beiden so sehr wächst, dass Marty auch diese Situation ruhig und ohne Angst betrachten und für sich auflösen kann. Denn an sich ist er sehr schlau und kann Situationen unheimlich gut analysieren. Aber seine Ängste blockieren ihn so sehr, dass er nicht mehr handlungsfähig ist, wenn die Unsicherheit mal wieder die Oberhand gewinnt.

Es ist auf jeden Fall spannend zu sehen, wie sowohl Marty, als auch Toni sich entwickeln und jeden Tag lernen – voneinander, von mir und aus den täglichen Alltagssituationen. Und abgesehen von diesen kleinen Bell-Missverständnissen, die auch schon seltener werden, kommen Toni und Marty ganz wunderbar miteinander aus und ergänzen sich optimal.

Toni darf inzwischen auf ausgewählten Strecken, die ich gut überblicken kann, schon frei laufen, und er macht das ganz wunderbar. Von sich aus schaut er sich immer wieder zu mir um, und auch der Rückruf klappt sehr gut. Natürlich wird er dafür auch immer fürstlich belohnt und gelobt.

Bei Marty kommen leider auch auf dem Spaziergang immer mal wieder durch verschiedene Auslöser so starke Unsicherheiten hoch, dass ich auf die Leine noch nicht verzichten kann. Denn wenn er erst einmal weggelaufen ist, kann ihn niemand (außer mir vielleicht) wieder einfangen. Er würde nie im Leben auf die Idee kommen, zu Menschen zu laufen und sich Hilfe zu suchen, so wie Toni das ganz sicher machen würde. Menschen sind für Marty immer noch das Gruseligste überhaupt.

Also gehen wir auf Nummer sicher. Und auch an der langen Leine genießt Marty unsere Spaziergänge sehr. Da gibt es immer etwas Neues zu entdecken, und man kann stehen bleiben und schnüffeln und dann ganz plötzlich losrennen und ein paar Meter sprinten und Haken schlagen … Es ist wunderbar, wie er draußen aufblüht und die Welt jeden Tag aufs Neue erkundet.

Und er hat ja noch sein ganzes Leben vor sich. Marty hat Ende November seinen zweiten Geburtstag gefeiert und hat noch so viel Zeit, um nach und nach seine Ängste abzubauen. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass es mit meinem Mann jetzt wieder entspannter ist. Wer weiß, vielleicht ist Marty irgendwann, in einigen Monaten, auch bereit, sich von ihm streicheln zu lassen. Das wird ganz allein Martys Entscheidung sein. Lassen wir es einfach auf uns zukommen.

(Inga Jung, Dezember 2021)

„Warum lobst du ihn jetzt auch noch dafür, dass er mich angeknurrt hat?“

Ich habe ja bereits erzählt, dass im Mai der kleine Marty aus Rumänien bei uns eingezogen ist. Marty hat inzwischen eine großartige Entwicklung durchgemacht. Er läuft auf Spaziergängen freudig voraus, spielt und ist albern, kuschelt mit mir auf dem Sofa und hat sich problemlos in meinen Alltag integriert. Er hat auch glücklicherweise keine Reisekrankheiten aus seinem Geburtsland mitgebracht, beide Tests waren negativ. So steht einem langen, glücklichen Hundeleben nun nichts mehr im Wege. Naja, fast nichts, denn Marty hat leider immer noch ein Problem: meinen Mann.

Ich bin sonst nicht so, dass ich bei Hunden aus dem Ausland sofort ein Trauma vermute, aber bei Marty gibt es zahlreiche deutliche Hinweise darauf, dass er während der fast eineinhalb Jahre in dem rumänischen Tierheim mit Männern vermutlich auch schmerzhafte, aber auf jeden Fall enorm furchteinflößende Erfahrungen gemacht hat. Und so ist auch seine Beziehung zu meinem Mann von tiefem Misstrauen geprägt. Auch noch nach inzwischen fast sechs Monaten bei uns. Er ist zwar inzwischen so entspannt, dass er auf die Couch springt, wenn mein Mann dort sitzt – das ist durchaus ein großer Fortschritt –, aber er bleibt dann mit viel Abstand in seiner Ecke. Anfassen lässt er sich von meinem Mann nicht und wenn der sich in seine Richtung bewegt, bekommt er Angst und läuft weg.

Nun haben wir vor zwei Wochen den Toni dazu adoptiert, einen kleinen Spanier mit einem sonnigen Gemüt. Toni ist der lebende Beweis dafür, dass Hunde aus dem Tierschutz ganz und gar nicht immer schwierig sind. Toni liebt alle Menschen und ist auch allen anderen Hunden gegenüber aufgeschlossen. Wenn er nicht gerade auf der Couch auf einem Haufen Decken und Kissen liegt und schläft, dann ist er am Dauerwedeln, immer mittendrin im Geschehen und für jeden Spaß zu haben. Da er sehr verfressen ist, tut er alles für ein paar Leckerlis und ist dadurch absolut unkompliziert zu lenken.

Marty und Toni verstehen sich wunderbar. Es gibt nur eine Sache, bei der es noch hakt: Mein Mann spielt gern mit Toni, weil er das mit Marty ja nicht machen kann. Und Toni bellt häufig als Aufforderung, im Spiel oder wenn er etwas haben möchte. Marty dagegen sieht nur, dass Toni bellt, während der „böse Mann“ ihm sehr nahe ist. Da gehen bei Marty alle Alarmglocken an. Achtung, der Mann bedroht Toni, der macht gerade etwas Schlimmes. Wahrscheinlich tut er mir auch gleich etwas an, ich hab’s doch gewusst … Und Marty stürzt sich knurrend mit aufgestellten Nackenhaaren auf meinen Mann.

Das Einzige, was ich in dieser Situation tun kann und darf, ist, Marty aus dieser negativen Emotionslage herauszuholen, aufzufangen und zu beruhigen. Ich streichele ihn und rede ruhig mit ihm, um ihn wieder ansprechbar zu machen. Und ich merke, wie sehr er das braucht. Er versteckt dann seinen Kopf in meiner Armbeuge und wimmert richtig vor sich hin.

Hätte ich geschimpft, wäre Martys Angst ins Unermessliche gestiegen, denn dann hätte ich als seine einzige Vertrauensperson mich auch noch gegen ihn gewendet. Kleiner Hund ganz allein auf der Welt, oh mein Gott … Wer weiß, vielleicht hätte er dann noch heftiger reagiert, oder er wäre in sich zusammengebrochen. Aber ich hätte die Lage auf gar keinen Fall verbessert.

Mein Mann versteht das nicht. Er schaut sich das an, schüttelt mit dem Kopf und meint: „Warum lobst du ihn jetzt auch noch dafür, dass er mich angeknurrt hat?“ Dabei muss man doch überlegen, was die Ursache für Martys Verhalten war. Er verhält sich nicht so, weil er schlicht aggressiv ist oder Ressourcen verteidigen will, sondern weil er Angst hat. Und Angst kann man nicht loben, das geht schlichtweg nicht. Wenn ich Angst habe und jemand tut mir etwas Gutes (das ich auch als etwas Gutes empfinde), dann wird meine Angst nicht stärker, sondern geringer werden, weil ich mich wohler fühle. Es ist also kein Lob, sondern einfach eine Beruhigung Martys heftiger Emotionen. Ein seelisches Auffangen.

Natürlich fände ich es auch schöner, wenn Marty meinen Mann endlich nicht mehr so bedrohlich finden würde. Aber das lässt sich nicht so einfach wegwünschen. Und die als bedrohlich empfundene Person muss sich auch Mühe geben, möglichst keine negativen Emotionen auszustrahlen. Das wiederum ist noch viel schwieriger.

Früher war ich jahrelang von Menschen um Hilfe in solchen oder anderen Situationen mit ihren Hunden gebeten worden, und sie haben versucht, meine Tipps umzusetzen. Wenn ich aber meinem Mann rate, sein Verhalten in der einen oder anderen Situation anzupassen, ist er beleidigt und meint, er wüsste schon, was er tue. Und diese beleidigte, genervte Haltung findet Marty dann wiederum bedrohlich, also sage ich lieber nichts, um es nicht noch schlimmer zu machen. Wie das eben so ist – Szenen einer Ehe.

Momentan versuchen wir möglichst zu vermeiden, dass Toni meinen Mann anbellt und dadurch solche kritischen Situationen entstehen. Das bedeutet, dass wir Toni immer wieder seine geliebten Kongs, auf denen er so gern herumkaut, sie in die Luft wirft und wieder auffängt, wegnehmen müssen. Management als Prävention.

Ich hoffe sehr, dass Marty nach und nach zu vertrauen lernt. Hoffnung gegeben haben mir Freunde, die zwei unsichere Hunde aus dem Ausland aufgenommen haben und meinten, dass beide Hunde ein Jahr gebraucht hätten, bis sie mit dem Mann im Haus einen entspannten Umgang pflegen konnten. Wenn es bei uns auch so lange dauert, dann haben wir ja noch ein paar Monate Zeit. Aber es ist natürlich auch wichtig, dass wir schwierige Situationen möglichst gar nicht erst entstehen lassen bzw. sie schnell entschärfen, wenn sie sich denn nicht vermeiden ließen.

Marty hat in der Zeit, in der er bei uns ist, schon so viel gelernt und so viel Mut bewiesen. Ich bin mir sicher, dass er auch das noch lernen kann. Sofern sich beide Seiten Mühe geben.

(Inga Jung, Oktober 2021)

Was macht eigentlich … mein Zappelhund?

Es ist ist inzwischen vier Jahre her, dass ich das Manuskript für mein zweites Buch „Zappelhunde. Vom Leben mit überaktiven Hunden“ abgeschlossen habe. Damals war meine Luzi fünf Jahre alt. Inzwischen ist sie neun und ich möchte ein kleines Resümee ziehen. Was hat sich in den letzten neun Jahren verändert? Was ist gleich geblieben? Wie lebt es sich mit der Zappeltante?

Luzi zog im Dezember 2008 bei uns ein, damals war sie etwa viereinhalb Monate alt. Im Nachhinein ein ungünstiger Zeitpunkt, denn während des Zahnwechsels sind sensible Hunde noch leichter zu beeindrucken, als ohnehin schon. Aber was soll’s – in Luzis ersten Lebensmonaten war bereits einiges schiefgelaufen, das einfach nicht mehr rückgängig zu machen war, und ich machte einfach das Beste draus. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem kann ich nur mein Buch „Zappelhunde“ ans Herz legen, in dem Luzis Geschichte einen zentralen Raum einnimmt.

Anfangs kam ich sehr oft an meine Grenzen. Luzi hatte Angst vor meinem Mann und lief immer vor ihm weg, was er mit einem beleidigten „dann eben nicht“ entgegennahm und sich darauf beschränkte, sie bei ihren zaghaften Annäherungsversuchen meist wegzuscheuchen. Ich konnte also von dieser Seite keinerlei Hilfe erwarten und stand mit diesem felligen kleinen Nervenbündel alleine da. Ich weiß noch, dass ich mir zu dieser Zeit sehr oft gewünscht habe, Luzi einfach mal nur für einen einzigen Tag in Betreuung zu geben und mal durchzuatmen. Aber das war schlicht unmöglich. Sie brachte mich so oft zur Verzweiflung, dass ich mit den Nerven häufig total am Ende war.

Das größte Problem war ihre Angst vor fremden Menschen, und wir wohnten in den ersten Jahren in einer Gegend, in der wir jeden Tag auf dem Spaziergang Menschen begegneten. Es war furchtbar anstrengend, immer auf der Hut zu sein und Luzi abzuschirmen, denn sobald sie sich bedroht fühlte (und dafür reichte ein einziger Blick eines Femden), ging sie zum Angriff über. Meine Aufgabe war es, das zu verhindern und sowohl Luzi, als auch den Passanten Sicherheit zu geben. Das hat nicht immer geklappt, aber im Laufe der Zeit machten wir Fortschritte, und nach eineinhalb Jahren begann Luzi mir endlich zu vertrauen. Von da an ging es schneller voran.

Wie ist es heute?

Wir leben jetzt seit sechs Jahren in einem sehr kleinen Dorf, und uns kommen nur selten Menschen entgegen. Die Straßen sind breit und es gibt keine Bürgersteige, auf denen wir uns an Passanten vorbeiquetschen müssen. Das alles kommt Luzi sehr entgegen und hat enorm zu ihrer Entspannung beigetragen.

Kommen uns Menschen ohne Hund entgegen, nehme ich Luzi natürlich weiterhin an die Leine, aber ich muss sie nicht mehr abschirmen oder besonders auf sie aufpassen. Im Nebel oder in der Dämmerung ist Luzi natürlich, rassetypisch, aufmerksamer als im hellen Sonnenlicht. Da muss ich ihr schon manchmal sagen, dass der einsame Mensch, der uns auf dem Weg entgegenkommt, keine Gefahr darstellt. Dafür haben wir unser Beruhigungswort „alles gut“, das ihr signalisiert, dass sie sich entspannen kann.

Manchmal, wenn auch selten, kommt es inzwischen sogar vor, dass Luzi einen Menschen auf Anhieb sympathisch findet und sogar zu ihm hin möchte und sich streicheln lässt. Das gleiche Phänomen gibt es übrigens auch bei Hunden. Die meisten Hunde hasst sie wie die Pest, aber manchmal, ganz selten, gibt es Hunde, die sie einfach toll findet. Und die haben bei ihr dann auch Narrenfreiheit. Aber nur diese Hunde. Sonst keiner. Damit das klar ist. Ein echter Charakterhund verteilt seine Sympathien sehr gezielt.

Hier auf dem Dorf gibt es auch ein paar Leute, die glauben, sie könnten sich die Freundschaft meines Hundes mit Leckerlis erkaufen. Aber da liegen sie bei Luzi falsch. Sie nimmt zwar das Leckerli an, aber das hält sie nicht davon ab, diese dreisten Menschen, die sich ihr ungefragt genähert haben, danach dann noch ordentlich zu verbellen, damit die bloß wieder weggehen. So einfach kriegt man Luzi nicht, da muss man schon überzeugender sein.

Nach wie vor bin ich für Luzi das Maß der Dinge. Menschen, die ich mag und mit denen ich mich gern unterhalte, sind auch für Luzi okay. Wenn mich jemand anspricht und ich gerade keine Lust auf eine Unterhaltung habe, spürt Luzi das sofort und betrachtet denjenigen mit Misstrauen. Es kann auch sein, dass sie dann leise knurrt.

Wie steht es nun um die Zappelei?

Das Schöne am Dorfleben ist, dass ein bellender Hund niemanden stört. Unser Nachbar sagte mal: „Wenn ein Hund hier nicht bellen darf, wo darf er das dann?“ Das war für mich eine große Erleichterung, denn es nahm mir den Druck. Versucht man nämlich, mit Luzi irgendwas schnell umzusetzen, dann geht das garantiert nach hinten los. Sie spürt sofort, dass man unter Zeitdruck steht, und dann rastet sie erst recht aus. Alles, was man mit Luzi macht, sollte so entspannt und ruhig wie möglich geschehen, dann klappt es am besten. Das ist nach wie vor so.

Luzi ist ganz und gar kein Dauerkläffer, aber wenn sie sich aufregt, dann ist ihr Kreischkläffen dafür umso unerträglicher. Mein Mann und ich machen oft Witze darüber, dass unsere alte Hündin Peppi bestimmt nur deswegen taub geworden ist, weil sie Luzis Geräuschkulisse nicht mehr ertragen hat. Manchmal bin ich da auch richtig neidisch auf sie.

Inzwischen können wir den Spaziergang einigermaßen ruhig starten, indem ich sofort nach dem Verlassen des Hauses in der Einfahrt Leckerlis werfe, nach denen Luzi sucht. Dadurch kann ich ihre Aufregung umlenken. Das klappt sehr gut – es sei denn, es ist irgendwas anders als sonst. Wenn zum Beispiel einer der Nachbarshunde auf der Straße unterwegs ist, oder wenn am Wochenende mein Mann mit auf den Spaziergang kommt, dann ist das für unsere kleine Autistin wieder zu viel Veränderung, und sie fängt mit ihrem ohrenbetäubenden Gekreische an. Ja, auch jetzt noch, im Alter von neun Jahren. Ich fürchte, das wird nie aufhören.

Wenn ihr irgendwas nicht schnell genug geht, äußert sie das nach wie vor in allen möglichen Tonlagen. Gehen wir nicht schnell genug Gassi, wird die Terrassentür nicht schnell genug geöffnet, steht der Futternapf nicht schnell genug auf dem Boden, kommt einer von uns nicht schnell genug von der Arbeit nach Hause (auch wenn der andere zu Hause ist, das ist völlig egal), sogar wenn wir nach dem Abschalten des Fernsehers nicht schnell genug ins Bett gehen – alles wird von Luzis Gewinsel und Gejaule begleitet. Ich sage oft, Luzi ist eine typische Deutsche: Egal, wie gut es ihr geht, sie hat immer was zu jammern.

Kennen Sie das Placebo-Cover des Songs „Where is my Mind“ von den Pixies? Ich mache oft Witze darüber, dass Luzi und ich damit als Duett auftreten könnten. Sie beherrscht das begleitende „Uuuuhuuuh“ perfekt und hat sogar die exakte Tonlage drauf. Ich kann mir Luzi ohne ihr tägliches Gejammer und Genörgel gar nicht mehr vorstellen. Wenn sie damit mal aufhören sollte, ist sie bestimmt krank.

Fahren wir zum Gassigehen irgendwohin, dann wird diese Fahrt stets von Luzi lautstark kommentiert. Sie fängt mit leisem Gewinsel an und steigert sich über Jaulen bis hin zu hysterischem Getriller, das einem verrückt gewordenen Kanarienvogel ähnelt. Man muss sie dabei tatsächlich verbal unterbrechen, sonst wird sie immer hysterischer und kann sich irgendwann selbst nicht mehr stoppen. Nach der Unterbrechung maunzt sie wie ein todtrauriges Kätzchen, bevor sie dann wieder mit ihrer Jaul-Tirade beginnt.

Die Rückfahrt dagegen ist immer angenehm ruhig. Wenn sie weiß, dass es nach Hause geht, gibt es für Luzi keinen Grund zur Aufregung, und sie entspannt sich.

Seit ein paar Jahren ist Luzi zu Hause sogar in der Lage, sich selbstständig nach oben ins Schlafzimmer zurückzuziehen. Das ist ein großer Fortschritt, nachdem sie mich in der Anfangszeit immer auf Schritt und Tritt verfolgt hatte, und ich freue mich sehr darüber.

Wenn sie oben schläft, ist sie aber trotzdem ständig mit einem Ohr wach. Gehe ich abends ins Badezimmer und öffne meine Zahnpastatube, bewegt Luzi sich nicht. Öffne ich aber ihre Zahnpastatube, dann kommt sie sofort angerannt. Selbst oben im ersten Stock hört sie genau den Unterschied.

Luzi ist auch nach wie vor absolut kuschelverrückt und lässt sich durch Massage und Streicheleinheiten wunderbar beruhigen. Sie liebt vor allem ihre Wellnessmassage, bei der ich oben in der Mitte des Kopfes beginne und dann die gesamte Wirbelsäule runter massiere. Das fordert Luzi täglich ein, indem sie sich in der passenden Haltung vor mich setzt. Und ich merke, wie gut es ihr tut und wie es zu ihrer Entspannung beiträgt. Bei einem so verrückten Hund wie Luzi darf man solche Chancen niemals ungenutzt lassen.

Alles in allem ist unser Leben inzwischen gut eingespielt. Der Alltag läuft wunderbar. Wir kennen Luzis Macken und kommen damit zurecht, und solange nichts Ungewöhnliches passiert, ist es auch lange nicht mehr so schlimm wie früher.

Was wir uns mit Luzi abschminken können, sind Ausflüge und Urlaubsreisen. Wer mit Luzi etwas unternimmt, was vom Alltag abweicht, der ist schlicht und einfach selbst schuld, wenn er am Ende des Tages mit einem Trommelfellschaden, Schulterschmerzen und einem gereizten Nervenkostüm dasteht.

Vor zwei Jahren waren wir das letzte Mal im Urlaub (in einem abgelegenen Ferienhaus, etwas anderes ist mit Luzi völlig undenkbar) und haben von dort aus einen Ausflug in den Bärenwald Müritz gemacht, der der Tierschutzstiftung Vier Pfoten angehört. Luzi hat vom Rausspringen aus dem Auto bis zum Eingang des Bärenwaldes den gesamten Parkplatz und Vorplatz derartig zusammengeschrien, dass die Menschen entsetzt in alle Richtungen weggestoben sind und uns angeschaut haben, als würden wir dem Hund den Bauch aufschlitzen. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn genauso hört sich das auch an.

Mein Mann wollte schon umdrehen und wieder fahren, aber ich wollte unbedingt den Park sehen, und nach einer Viertelstunde hatte Luzi sich dann auch wieder so weit im Griff, dass sie nur noch in die Leine gesprungen und daran gezerrt hat. Und glauben Sie mir, im Gegensatz zu dem Gekreische ist das eine geradezu angenehme Alternative.

Obwohl uns Luzis Verhalten ohne Ende Nerven kostet, denke ich, dass es für sie selbst sogar etwas Positives ist. Sie ist sehr stressanfällig und nimmt neue Reize ungefiltert auf. Das belastet sie sehr. Dadurch, dass sie diese Belastung aber sofort in Aktivität (Rennen, Springen, uns in die Arme beißen) und Gekreische umsetzt, schadet ihr das nicht. Das ist ihre Art, den Stress direkt wieder loszuwerden. Und das ist aus ihrer Sicht absolut effektiv.

Luzi ist der gesündeste Hund, den ich jemals hatte. Sie ist jetzt neun Jahre alt, und abgesehen von Impfungen und kleinen Pfotenverletzungen hatte ich noch niemals einen Grund, mit ihr zum Tierarzt zu fahren. Körperlich ist sie kerngesund. Geistig – naja, Sie wissen schon … Meine Vermutung ist, dass ihr gutes Immunsystem viel damit zu tun hat, wie sie mit Stress umgeht. Ihr Gezappel und Geschrei wirkt wie ein Blitzableiter, und so kann der Stress ihr nicht schaden.

Dass sie unsere Nerven damit teilweise überstrapaziert, ist natürlich etwas anderes, aber darüber denkt ein Hund ja nicht nach. Das wäre nun wirklich zu viel verlangt.

(Inga Jung, Dezember 2017)

Buchtipp: „Hab keine Angst, mein Hund“

Neulich habe ich das Buch „Hab keine Angst, mein Hund. Ängste bei Hunden erkennen und abbauen“ von Rolf C. Franck und Madeleine Grauss (inzwischen Madeleine Franck) wiederentdeckt. Das Buch ist aus dem Jahr 2008 und somit schon etwas älter, aber immer noch absolut aktuell und wirklich empfehlenswert.

Zu Beginn gehen Rolf und Madeleine auf den biologischen Sinn von Ängsten und auf ihre Entstehung ein. Sie beschreiben, was enorm wichtig ist, dass Angst immer mit Erregung einhergeht. Und je stärker die Erregung ist, desto heftiger die Angst. Und desto schwieriger ist es, den Hund noch zu erreichen. Das heißt, an der Angst muss immer in den Situationen gearbeitet werden, in denen die Erregung des Hundes noch nicht so stark ist, in denen er noch ansprechbar ist. Versucht er schon zu fliehen oder anzugreifen, dann ist die Angst zu heftig und keine Arbeit an dem Verhalten mehr möglich.

Es wird gezeigt, was man auf keinen Fall tun sollte, zum Beispiel die Angst des Hundes ignorieren oder ihn zwingen, sich dem Angstauslöser zu nähern. Beides schadet dem Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Hund und verstärkt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Angst.

Auch dass der Hund ein sicheres Umfeld zu Hause braucht, in dem er sich wohl fühlt und seine Bedürfnisse erfüllt werden, wird nicht vergessen. Ebenso dass der Mensch immer der „sichere Hafen“ sein muss, zu dem der Hund sich voller Vertrauen flüchten kann und darf.

Dann geht es weiter mit den Trainingstechniken, die in den verschiedenen Situationen hilfreich sind. Dabei werden typische Ängste und dafür geeignete Trainingstechniken beschrieben. Alles natürlich gewaltfrei und auf das Tempo des einzelnen Hundes abgestimmt.

Mir persönlich kommt nur eine einzige Sache in diesem Buch etwas zu kurz, nämlich dass man als Mensch an sich selbst arbeiten muss. Jeder, der mal mit einem ängstlichen, reaktiven Hund unterwegs war, kennt das: Man sieht oder hört den Auslöser der Angst und denkt unwillkürlich „oh nein!“. Das wiederum zieht körperliche Reaktionen nach sich, der Herzschlag beschleunigt sich, man bewegt sich anders, man wird nervös, man nimmt die Leine kürzer und so weiter.

Das ist ganz normal. Aber man macht es dem Hund dadurch unnötig schwer, denn wie soll er denn gelassen auf einen Angstauslöser reagieren, wenn sein Mensch ebenfalls Schweißausbrüche bekommt? Das bedeutet: Ich muss an mir arbeiten. Ich muss lernen, tief durchzuatmen und mich bewusst zu entspannen, um meinem Hund zu helfen.

Jeder kann das. Und wenn man das erst einmal gelernt hat, dann hilft es einem auch in vielen anderen aufregenden Situationen, zum Beispiel im Job, weiter. Es lohnt sich also doppelt, sich auch mit sich selbst und seinen eigenen Reaktionen auseinanderzusetzen und nicht immer nur auf den Hund zu schauen.

Von diesem einen Punkt abgesehen, finde ich das Buch absolut gelungen. Es ist durch die vielen Erläuterungen und praktischen Beispiele eine große Hilfe für Menschen mit Hunden, die ihr Heil bisher in Flucht oder Angriff gesucht haben und ihre Ängste nun langsam abbauen sollen.

(Inga Jung, Juli 2017)

 

Betreten verboten! Territorialverhalten bei Hunden verstehen

Mein drittes und damit neuestes Buch ist im Oktober 2016 im Kynos Verlag erschienen und ab sofort überall im Handel erhältlich!:

Betreten verboten! Territorialverhalten bei Hunden verstehen
Inga Jung
1. Auflage Herbst 2016, Kynos Verlag

Territorialverhalten

Bitte lassen Sie sich nicht von dem hässlichen Titelbild abschrecken. Das Cover war NICHT meine Idee und hat auch nicht meine Zustimmung. Aber vielleicht gewinne ich irgendwann damit einmal den Preis für das abscheulichste Sachbuch-Cover, wer weiß … 😉
Es gibt bisher wenige Bücher zum Thema Territorialverhalten bei Hunden, und die Bücher, die ich zu dem Themenbereich gefunden habe, waren leider qualitativ sehr schlecht. Ich fand daher, dass es an der Zeit ist, ein Buch über Territorialverhalten zu schreiben, welches sowohl die Hintergründe des Verhaltens erklärt und verständlich macht, als auch viele Praxistipps für unterschiedliche Situationen bereithält.
Dabei liegt mein Fokus selbstverständlich auf einem gewaltfreien Umgang mit dem Hund. Auch wenn Territorialverhalten häufig mit Aggressionsverhalten einhergeht, gibt es keinen Grund, als Mensch ebenfalls aggressiv zu reagieren. Es gibt viele Möglichkeiten, Territorialverhalten durch eine durchdachte Kombination aus Management und positivem Training, das Hund und Mensch Spaß bringt, im Alltag kontrollierbar zu machen, sodass von dem Hund keinerlei Gefahr ausgeht.

Wie man dies umsetzt, welche Situationen speziell beachtet werden müssen, wie man vorausschauend agiert und vieles mehr werde ich in meinem neuen Buch beleuchten.
Obwohl es sich um Hunde aller territorial veranlagten Rassen und Mischlinge drehen wird, sehe ich mein neues Buch unter anderem auch als Ergänzung zu meinem 2011 erstmals erschienenen Buch „Unser Hund – Der Australian Shepherd“, das gerade in der 4. Auflage gedruckt wird. In meinem ersten Buch konnte ich aus Platzgründen nicht ausführlich genug auf das Thema Territorialverhalten eingehen. Ich habe dies im Grunde immer nur kurz angesprochen, aber es hätte den Rahmen des Buches gesprengt, ins Detail zu gehen. Nun wird in diesem Jahr mit meinem neuen Buch endlich eine ausführliche Besprechung des Territorialverhaltens erscheinen, die aufzeigt, was einen mit einem territorial motivierten Hund erwarten wird und wie man damit umgehen sollte. Für Freunde meines Buches über den Australian Shepherd ist mein neues Buch eine absolute Empfehlung zum Weiterlesen.

 

Der Verlag beschreibt mein neues Buch wie folgt:

Hunde haben es oft nicht leicht: Jahrtausendelang wurden sie zum Bewachen von Haus, Hof und Eigentum gezüchtet, und plötzlich sind diese Eigenschaften nicht mehr gefragt. Der Hund soll plötzlich jeden Gast freundlich willkommen heißen – aus Hundesicht häufig ein Unding.

Das „Aberziehen“ dieses in vielen Rassen tief verwurzelten Verhaltens, womöglich noch durch Strafen, hat folglich wenig Erfolgsaussichten – wohl aber das Umlenken in gewünschte und akzeptable Bahnen, wenn man den Hund und sein Denken auch ernst nimmt und seine Bedürfnisse berücksichtigt.

Aus Erfahrung selbst schlau geworden, erklärt Hundetrainerin Inga Jung, wann und warum sich Hunde territorial verhalten und bewirkt damit zahlreiche „Aha-Momente“ auch bei erfahrenen Hundebesitzern.

Wie kleine Veränderungen im Alltag Großes bewirken können und mit welchen Schritten man dem Hund erklärt, dass man selbst in der Lage ist, über das Hereinlassen von Besuch zu entscheiden, erfahren Sie in diesem Buch.

Buchtipp: „Hunde. Evolution, Kognition und Verhalten“

 

Das Buch „Hunde. Evolution, Kognition und Verhalten“ von Dr. Ádám Miklósi ist sicher keine leichte Kost, das sei schon zu Anfang gesagt. Wer auf der Suche nach einem locker zu lesenden Schmöker ist, der sei gewarnt: Dr. Ádám Miklósi ist durch und durch Wissenschaftler, und genauso schreibt er auch.

Hunde

Ich finde dieses Buch, das im Jahr 2009 im Kosmos Verlag erschien, hoch interessant, da es sich dem Thema Hund komplett von der wissenschaftlichen Seite her nähert und trotzdem den Hund nicht als ein Forschungsobjekt betrachtet, sondern als ein fühlendes und denkendes Lebewesen, dem man auch in der Wissenschaft keine unangenehmen Experimente zumuten darf. In diesem Zusammenhang geht der Autor beispielsweise auf die grausamen Versuche zur erlernten Hilflosigkeit ein, die in den Sechzigerjahren durchgeführt wurden, und verurteilt diese als unethisch und nicht zu rechtfertigen.

Miklósi beleuchtet alle Aspekte rund um den Hund, sowohl die Geschichte der Domestikation, als auch seine Sinnesleistungen und sein Verhalten sowie die bisherige und eventuelle zukünftige Forschung zu unserem ältesten Haustier. Dabei betont er immer wieder den engen Bezug des Hundes zum Menschen und die Tatsache, dass Hunde und Menschen einfach zusammengehören: „Heute sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig, […] dass Hunde- und Menschenverhalten tatsächlich einige bedeutsame Merkmale gemeinsam haben.“ (S. 367)

Da er der Ansicht ist, dass man das Verhalten und die Leistungen eines Tieres am besten in seinem natürlichen Umfeld betrachtet, ist er im Hinblick auf den Hund der Meinung, dass Verhaltensbeobachtungen immer in Anwesenheit der Bezugsperson des Hundes und in einem für den Hund normalen Umfeld erfolgen sollten. Dies nicht zuletzt deshalb, weil herausgefunden wurde, dass Hunde sich durch die Anwesenheit eines vertrauten Menschen viel schneller beruhigen lassen, als durch die Anwesenheit eines vertrauten Hundes oder eines fremden Menschen.

Manchmal war ich bei der Lektüre etwas überrascht angesichts der leichten Inkonsequenz, mit der Miklósi sich zum Thema Dominanzverhalten äußert. Einerseits stellt er heraus, dass die Beobachtungen zum Dominanzverhalten, die früher die Dominanztheorie begründeten, im Gehege entstanden sind, was weder für den Wolf, noch für den Hund eine natürliche Situation darstellt. Und dass sich Wolf und Hund in ihrer natürlichen Umgebung (freie Wildbahn bzw. menschliche Familie) ganz anders verhalten. Er geht ebenfalls darauf ein, dass die neuere Wissenschaft eher dazu neigt, den Hund als Mitglied seiner menschlichen Familie zu sehen, das keinerlei Dominanzbeziehungen zu den anderen Familienmitgliedern entwickelt.

Andererseits verstrickt er sich dann aber doch wieder in widersprüchliche Aussagen, was vermuten lässt, dass er sich von der alten Theorie gedanklich noch nicht ganz lösen kann. Zum Beispiel meint er, die Menschen hätten den Hund so gezüchtet, dass er sehr viel aggressionsfreier als der Wolf sei. Das wiederum kann ich nicht nachvollziehen, denn ebenso wie Wölfe können manche Hunde sehr intolerant gegenüber Fremden sein, die nicht zu ihrer eigenen sozialen Gruppe gehören. Und ebenso wie Wölfe sind die meisten Hunde innerhalb ihrer eigenen Familie sehr sanft und geduldig und versuchen, Aggressionen zu vermeiden. Zudem ist das Verhalten solch hoch entwickelter Säugetiere einfach zu individuell, um generelle Aussagen in Bezug auf alle Hunde und alle Wölfe treffen zu können. Sieht man aber ausschließlich die Gehegewölfe vor sich und schließt das Verhalten frei lebender Wölfe aus, dann mag die Aussage stimmen, denn im Gehege treten durch den Stress und die beengte Situation insgesamt deutlich mehr Aggressionen auf. Ich vermute fast, dass die Aussage auf diesem Gedanken beruhte.

Gern zitiere ich den folgenden Absatz: „Immer wieder taucht in der Literatur die Annahme auf, dass das ‚Gewinnen‘ von Spielen Auswirkungen auf die hierarchische Beziehung zwischen Menschen und ihren Hunden hat […]. Abgesehen davon, dass keinerlei Daten zur Untermauerung dieser Annahme vorliegen[…], widerspricht sie auch der Logik des Spiels, weil Spielsignale dazu dienen sicherzustellen, dass eventuelle schädliche Handlungen nicht ernst genommen werden (sollten). Außerdem ist das Spiel durch einen ständigen Rollenwechsel gekennzeichnet, und Tiere vermeiden die Interaktion mit Artgenossen, die zu diesen Rollenwechseln nicht bereit sind.“ (S. 294 f.)

Ich finde es faszinierend, dass Miklósi als Wissenschaftler immer wieder auf die große Ähnlichkeit zwischen Mensch und Hund hinweist und darauf, dass unser Verhalten und unsere Reaktionen häufig vergleichbar sind. Aus diesem Grund fanden schon oft vergleichende Verhaltensexperimente mit Kindern und Hunden statt, in denen durchaus auch Parallelen gefunden wurden. Dass ein Wissenschaftler heutzutage dies nicht ablehnt und als Vermenschlichung abtut, sondern in seine Betrachtungen mit einbezieht, ist meiner Meinung nach ein großer Fortschritt auf dem Weg zu der Erkenntnis, dass Tiere eben keine leblosen Maschinen sind, die nur auf Reize reagieren, sondern genau wie wir denken und fühlen und uns vielleicht ähnlicher sind, als wir immer gedacht haben. Miklósi geht sogar noch weiter und führt an, dass sowohl Hunde wie auch Kinder klare Familienstrukturen brauchen, die ihnen Verlässlichkeit und Sicherheit bieten, und dass Hunde und Kinder in gleichem Maße soziale Unterstützung durch ihre Bezugspersonen benötigen. Er scheut sich ganz und gar nicht, hier Parallelen herauszustellen.

In dem Kapitel über Hunde im Tierheim, in dem es unter anderem darum geht, wie sehr Hunde unter mangelndem Sozialkontakt mit Menschen leiden und dass ihr Stresspegel im Tierheim bereits nach kurzer Zeit messbar ansteigt, fand ich diesen Satz besonders rührend, der im Gegensatz zu dem sonst streng wissenschaftlich gehaltenen Text erstaunlich emotional daherkommt: „ Zwar können Hunde Menschen durch Beißen verletzen, doch auch wir verletzen Hunde, wenn wir sie in Tierheimen sitzen lassen.“ (S. 113)

Bei der Beschreibung der Verhaltensbeobachtungen und Experimente, die mit Hunden durchgeführt wurden, betont Miklósi wiederholt ihre oft erstaunlichen Problemlösungsfähigkeiten. Selbst wenn ein Hund nicht die erwartete Lösung fand, ist der Autor nicht bereit, diese Aufgabe sofort als nicht lösbar einzustufen, sondern er schaut sich kritisch die Umstände an und legt nahe, dass möglicherweise eine für den Hund ungewohnte Umgebung oder die Tatsache, dass der Hund die Aufgabe aus seinem Blickwinkel anders betrachtet als der Mensch, zu dieser vermeintlich fehlerhaften Leistung geführt haben könnten.

Das ist wirklich interessant und ganz und gar nicht abwegig. Miklósi weist mehrfach darauf hin, dass viele Versuche aus absolut menschlicher Sicht aufgebaut sind und somit z.B. hauptsächlich visuelle Aspekte einbeziehen. Der Hund als „Nasentier“ nimmt aber noch viel mehr wahr als wir und setzt dementsprechend vielleicht auch an einem ganz anderen Punkt bei der Problemlösung an. Nur weil wir das mit unseren eingeschränkten Fähigkeiten nicht nachvollziehen können, muss es nicht zwangsläufig falsch sein.

Weiterhin führt Miklósi an, dass Hunde in einigen Versuchen, in denen Menschen anwesend waren, offenbar nicht nur den reinen Versuchsaufbau betrachteten, sondern die Menschen mit einbezogen und das Ganze als soziale, kommunikative Situation bewerteten, so wie sie es sonst aus ihrem Alltag auch gewohnt waren. Dadurch kann es vorkommen, dass ein Hund sich z.B. nicht traut, ein Stück Futter zu nehmen, obwohl er weiß, wie er es bekommen könnte, weil er der Meinung ist, dass einer der anwesenden Menschen Anspruch auf dieses Futterstück erhebt. Oder dass er den Menschen in die Problemlösung mit einbezieht, um das Ganze als gemeinsames Spiel aufzubauen, anstatt sich ausschließlich allein mit der Aufgabe zu beschäftigen. Das kann zu der fehlerhaften Interpretation führen, dass der Hund nicht wisse, wie er das Futter erreichen kann, obwohl er dieses Wissen vielleicht hat, es aber aus verschiedenen Gründen nicht anwendet.

Ich schließe mich Dr. Miklósi an mit der Ansicht, dass wir noch viel über das Wesen und die Gedankenwelt unserer Hunde zu lernen haben, selbstverständlich ohne ihnen dabei ein Leid zuzufügen. Und ich denke, dass wir sicherlich auch vieles von unseren Hunden lernen könnten, wenn wir nur in der Lage sind, uns ihrer Sichtweise zu öffnen und ihnen ohne Vorurteile zu begegnen.

(Inga Jung, August 2016)

Der Faktor Sonnenbrille

 

Sommer, Sonne, Sonnenschein – und schon laufen alle Hundeleute mit Sonnenbrille herum. Ist ja auch besser für die Augen und gegen Hautalterung usw. Und sieht natürlich auch total cool aus.

Seltsamerweise reagiert Rudi heute auf keine einzige Anweisung. Er wirkt planlos und unkonzentriert. Sonst ist Rudi eigentlich ein sehr verlässlicher Hund. Sein Mensch vermutet, dass das von der Hitze kommt. Vielleicht ein Sonnenstich?

Rudi indessen ist irritiert. Er ist es gewohnt, im Gesicht seines Menschen zu lesen, dessen Stimmung in seiner Mimik zu erkennen und aus jedem seiner Blicke Rückschlüsse auf das, was gleich kommen wird, zu ziehen. Heute aber ist da nichts zu sehen. Nur zwei dunkle Gläser starren ihn ausdruckslos an. Was ist bloß mit seinem Menschen los? Ob der wohl krank ist? Warum kommuniziert er nicht so wie sonst?

All das verunsichert Rudi und er weiß nicht so recht, was er tun soll. Er reagiert zögerlich auf die ihm eigentlich bekannten Signale, denn diese sind heute irgendwie anders als sonst. Es fehlen wichtige Elemente. Er ist angespannt.

Rudi und sein Mensch haben nun den Wald erreicht. Hier ist es schattig, und Rudis Mensch nimmt seine Sonnenbrille ab. Rudi ist überglücklich. Endlich kann er wieder erkennen, was sein Mensch ihm sagen möchte. Endlich ist wieder der für ihn so wichtige Blickkontakt möglich. Endlich ist die Welt wieder in Ordnung und er kann sich entspannen.

Ich glaube, die meisten Menschen kennen selbst dieses unangenehme Gefühl, wenn man sich mit einem anderen Menschen unterhält und dieser dabei eine so dunkle Sonnenbrille trägt, dass man seine Augen nicht erkennen kann. Es fühlt sich merkwürdig an. Irgendwie als ob der andere nicht ganz ehrlich sei, weil er seine Augen versteckt. Wer weiß, wo er die ganze Zeit hinschaut und ob er vielleicht gelangweilt mit den Augen rollt, während wir ihm unser Herz ausschütten.

Wenn wir mit jemandem sprechen, lesen wir gleichzeitig in seinem Gesicht. Wir sehen, ob die gesprochenen Worte mit der gezeigten Mimik zusammenpassen, ob das Gesamtbild stimmig ist. Ist es das nicht, dann wirken die Worte aufgesetzt, weil die Mimik etwas anderes widerspiegelt. Haben wir nicht die Möglichkeit, das ganze Gesicht zu sehen, dann irritiert uns das.

Dabei sind wir Menschen ja durchaus in der Lage, allein aus gesprochenen Worten einen Sinn zu erschließen und den Inhalt des Gesagten zu verstehen, auch ohne dass wir unseren Gesprächspartner direkt sehen. Wie viel schwerer muss es für unsere Hunde sein, die das nicht können, sondern einen Großteil ihrer Informationen in der Kommunikation mit uns aus unserer Mimik und Gestik ziehen, wenn wir unsere Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verstecken?

Sicherlich kann ein Hund lernen, allein auf ein gesprochenes Wort hin etwas Bestimmtes auszuführen. Da Hunde aber zunächst automatisch den kompletten Kontext mitlernen (also auch unsere Körperhaltung, unseren Blick sowie die gesamte Umgebung), muss man mit einem Hund gezielt üben, dass er wirklich nur auf das Wort reagiert und nicht noch mehr Signale braucht, um zu erkennen, was wir von ihm erwarten. Das kann er nicht von alleine.

Weiterhin besteht die Kommunikation mit Hunden nicht nur aus gelernten Signalen, sondern ein Hund und sein Mensch kommunizieren die gesamte Zeit. Zumindest kommuniziert der Hund mit seinem Menschen. Ob der Mensch das auch bemerkt und darauf eingeht oder sich typisch menschlich ignorant nur mit sich selbst beschäftigt oder Pokemons jagt, das ist natürlich eine andere Frage.

Ich möchte keinesfalls ein Sonnenbrillenverbot ausrufen. Im Gegenteil, Sonnenbrillen erfüllen wichtige Funktionen und sind ein oftmals notwendiger Schutz. Aber ich möchte Menschen dafür sensibilisieren, wie stark sich die Kommunikation mit ihrem Hund dadurch, dass ihre Augen nur noch seelenlose dunkle Gläser sind, verändert. Man darf sich einfach nicht wundern, wenn ein Hund auf einmal nicht mehr weiß, was „Sitz“ heißt, sobald sein Mensch eine Sonnenbrille trägt. Denn der komplett andere Gesichtsausdruck kann auch das gesamte Signal so verändern, dass der Hund es nicht mehr erkennt.

Um dem Hund gegenüber fair zu bleiben, wäre es vielleicht eine gute Idee, auf dem Spaziergang zumindest immer dann, wenn der Hund sich wirklich angesprochen fühlen soll, die Brille einmal kurz abzunehmen und dem Hund so die Deutung des Gesagten im mimischen Kontext zu erleichtern. Schließlich ist es für ihn ohnehin schon anstrengend genug, tagtäglich die Sprache einer anderen Art decodieren zu müssen, da sollten wir es ihm nicht noch zusätzlich erschweren.

(Inga Jung, Juli 2016)

 

„Wir haben da so einen Problemhund“

 

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz am Telefon gehört und in E-Mails gelesen habe. Während meiner Zeit als Hundeverhaltensberaterin, aber auch jetzt noch erhalte ich immer wieder Anrufe von Menschen, deren erster Satz lautet: „Wir haben da so einen Problemhund zu Hause.“ Und oftmals war’s das dann auch schon. Mehr Info ist nicht nötig, der Hund ist ein Problemhund, damit ist doch alles gesagt.

Ich wundere mich immer wieder, wie konsequent Menschen sein können, wenn es darum geht, andere in eine Schublade zu packen und da nie wieder rauszulassen. Geht es aber um den Umgang mit dem Hund, dann ist Konsequenz wieder ein Fremdwort, und der arme Hund wird heute für das gleiche Verhalten gelobt, für das er morgen einen Satz heiße Ohren bekommt.

Problemhund scheint das neue Modewort zu sein, und das kommt sicher nicht von ungefähr. Einen Problemhund zu haben ist nämlich sehr bequem. Nicht ich habe Fehler gemacht, nicht ich stelle zu hohe Erwartungen an meinen Hund, nein, der Hund ist das Problem. Ein Problemhund eben. So, basta. Und jetzt, lieber Hundetrainer, tun Sie mal was dagegen, sonst kommt der ins Tierheim. Dann hol ich mir einen neuen Hund, der funktioniert bestimmt besser und ist nicht so ein Problemhund wie der alte.

Ich weiß, diese Schilderung klingt wie die Übertreibung des Jahrhunderts. Leider sieht genau so oft die Realität aus. Die gute Nachricht lautet: Die meisten Menschen mögen ihren Hund trotzdem irgendwie, mehr oder weniger. Und häufig steckt auch eine Menge Unsicherheit dahinter. Genau da muss man ansetzen.

Es gehört viel Fingerspitzengefühl dazu, in so einer Konstellation den Menschen auf freundliche Weise dazu zu bringen, seine Perspektive zu verändern und die Welt mal mit den Augen seines Hundes zu betrachten. Meiner Ansicht nach ist ein guter Hundetrainer jemand, der die Geduld und die rhetorischen Fähigkeiten hat, dies immer und immer wieder mit unterschiedlichen Menschen erfolgreich durchzuspielen, ohne dabei unfreundlich oder überheblich zu werden. Ist der Mensch erst einmal in der Lage, sich in seinen Hund hineinzuversetzen und nachzuvollziehen, warum er dieses Verhalten zeigt, dann hat man einen Fuß in der Tür. Zeigt sich der Mensch nun gesprächsbereit, dann ist der Weg zu einem gemeinsamen Training mit dem Hund, statt gegen ihn, geebnet.

Dieser Wandel in der Sichtweise ist für ein zufriedenes Zusammenleben von Mensch und Hund das Wichtigste. Der Mensch muss lernen, sich in seinen Hund hineinzudenken und mit ihm gemeinsam Lösungen zu finden, das Hauptaugenmerk auf seine positiven Eigenschaften zu legen und diese zu fördern. Dann wird auch das als problematisch empfundene Verhalten weniger werden, oder vielleicht wird es den Menschen einfach nicht mehr stören, weil er versteht, warum sein Hund sich so verhält. Diesen Wechsel in der Perspektive habe ich oft miterlebt, und so manche Beratungsstunde endete damit, dass die Menschen mir glücklich sagten, wenn das so sei wie ich es erklärt habe und der Hund aus diesen Gründen handele, dann sei das Verhalten gar kein Problem mehr für sie. Aber auch bei wirklich schwierigen Verhaltensweisen half das Verständnis für den Hund dem Menschen, das Training liebevoll und positiv aufzubauen, was zu einem nachhaltigeren Erfolg führte.

Warum ist das nun so, dass Hunde heutzutage so oft als „Problemhunde“ bezeichnet werden? Früher gab es das nicht. Ich kann mich nicht erinnern, in den 1980er- oder 1990er-Jahren mal das Wort „Problemhund“ gehört zu haben, obwohl die Hunde damals das gleiche Verhalten an den Tag legten wie heute. Aber meistens akzeptierten die Menschen das und lebten damit, dass ihr Hund bellte, bettelte oder die Besucher biss. Das war eben so.

Ich will jetzt nicht sagen, dass man so ein Verhalten auch heute noch einfach akzeptieren und damit leben sollte, schließlich ist man ja auch seinen Mitmenschen gegenüber in der Verantwortung, aber ein bisschen mehr Toleranz dem Hund und seinen Angewohnheiten gegenüber täte uns ganz gut.

Denn meiner Erfahrung nach glauben viele Menschen in erster Linie deswegen, ihr Hund sei problematisch, weil ihnen das irgendwelche selbsternannten Hundeprofis mit ihren perfekten Vorzeigehunden oder die zahlreichen Hundeerziehungssoaps im Fernsehen eingeredet haben. Dann werden die Leute unsicher und beginnen, an ihrem Hund und dessen Motiven sowie an der kompletten Beziehung zwischen ihnen und ihrem Tier zu zweifeln. Wenn es ganz schlimm kommt, sehen sie alles, was ihr Hund tut, aus einem negativen Blickwinkel und unterstellen ihm niedere Beweggründe, auf die nun wirklich nur ein Mensch kommen kann.

Würde es wieder in Mode kommen, Hunde so zu akzeptieren wie sie sind, mit all ihren persönlichen Stärken und Schwächen, dann gäbe es schlagartig keine „Problemhunde“ mehr, und viele Menschen wären wieder sehr viel glücklicher mit ihren vierbeinigen Familienmitgliedern.

(Inga Jung, Mai 2016)