Hundeverstand in Buch und Fernsehen

Ich lese gerade (Juli 2013) das Buch „Hundeverstand“ von John Bradshaw, das so tolle Kritiken bekommen hat – mit durchaus gemischten Gefühlen.

Einerseits finde ich es toll, dass er sich deutlich von den alten Rangordnungstheorien distanziert und ausdrücklich schreibt, dass das Zusammenleben mit dem Hund ganz und gar kein Machtkampf ist, sondern dass Hunde auf Kooperation aus sind und Schwierigkeiten im Zusammenleben mit ihnen in der Regel auf Missverständnissen beruhen.
Ebenfalls macht er deutlich, dass eine gewalttätige Erziehung beim Hund Aggressionen und/oder Depressionen hervorrufen kann.
Schön, dass das endlich mal einer sagt.

Andererseits verliert er sich bedauerlicherweise in teilweise sehr wirren ausschweifenden Gedankengängen, die entweder irrelevant sind (wenn ich ein Hundebuch lese, interessiert es mich nicht, ob man einen Schakal oder Fuchs auch hätte domestizieren können) oder sogar falsch, weil er auf einmal Äpfel und Birnen verwechselt und von falschen Tatsachen ausgeht. (Zum Beispiel meint er, Hunde seien im Gegensatz zu Wölfen grundsätzlich freundlich zu anderen Hunden und weniger territorial – was ich ganz und gar nicht unterschreiben würde. Oder dass Wölfe nie eine Beziehung zu einem nicht verwandten Wolf aufbauen können – völlig unlogisch, denn das würde ja bedeuten, dass Wölfe nur Inzucht treiben, natürlich suchen sie sich wenn möglich einen nicht mit ihnen verwandten Partner. Und so weiter, es gibt immer wieder Sätze, die für einen Wissenschaftler erstaunlich unwissenschaftlich sind. Und er meint ständig, man dürfe Hunde und Wölfe nicht vergleichen, wobei er für diese These ausschließlich Argumente heranzieht, die auf dem – wie man ja weiß – unnatürlichen Verhalten von Gehegewölfen beruhen. Dass man das nicht als Ausgangsbasis nehmen sollte, ist klar. Erst auf S. 95 kommt er darauf zu sprechen, dass die Familienstruktur der freilebenden Wölfe unserem Zusammenleben mit Hunden doch gar nicht so unähnlich ist. Damit hätte er sich seine vorigen Argumente gegen den Wolf-Hund-Vergleich komplett sparen können.)
Wegen dieser verwirrenden Widersprüche, die mich beim Lesen wirklich gestört haben, empfehle daher, mit der Lektüre im letzten Absatz von S. 91 anzufangen. Vorher verpasst man nicht viel.

Richtig klasse finde ich, dass er sich – genau wie ich – die Frage stellt, warum wir in den Medien (Stichwort „Hundeflüsterer“) immer die brutalsten und brachialsten Methoden präsentiert bekommen. Warum verweigert das Fernsehen so vehement die Darstellung einer vernünftigen Erziehungsmethode? Seine Antwort ist so simpel, dass ich selbst gar nicht darauf gekommen bin:
Weil Gewalt dramatisch ist, und Menschen lieben Dramatik. Es ist einfach spannender zu sehen, wie ein Hund gekonnt niedergerungen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt wird (dann hat er sein Verhalten ja abgebrochen, eine Wirkung ist ersichtlich) als eine über Monate hinweg sorgfältig aufgebaute Gegenkonditionierung zu filmen. Da passiert ja nichts.
So einfach ist das.

Fernsehen lebt von dramatischen Augenblicken. Und eine dem Hund angepasste vernünftige Verhaltenstherapie zielt darauf ab, dem Tier Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Das will keiner sehen, das ist viel zu langweilig.

Ich kann es irgendwie verstehen, die Fernsehformate werden am Konsumverhalten der Leute ausgerichtet. Dennoch glauben viele Leute den Mist, den sie da sehen, und machen es ungefiltert nach. Ohne zu überlegen.
Ich bin der Ansicht, dass auch Fernsehsender eine Verantwortung tragen. Solange es niemandem schadet, können sie von mir aus senden was sie wollen.
Aber Sendungen, in denen das unnötige Quälen von Tieren und die Verbreitung völlig überholter „Dominanztheorien“, die wirklich nichts mehr in der Hundeerziehung zu suchen haben, von einem sogenannten Experten als richtig dargestellt werden, sind meiner Meinung nach höchst gefährlich, denn es gibt zu viele Leute, die wirklich glauben, was sie da sehen und hören.
Dann wäre es doch vielleicht besser, auf solche Sendungen komplett zu verzichten und sich mehr den Topmodel- und Shopping-Formaten zu widmen. Die bringen schließlich auch gute Quoten.

(Inga Jung, erstmals über Facebook veröffentlicht im Juli 2013)

Kurs Hundeverhalten beobachten und verstehen Mai 2014

Auch die Volkshochschule Gettorf hat sich entschieden, im kommenden Frühjahr den Kurs „Hundeverhalten beobachten und verstehen“ als Komplettpaket mit Theorie und Praxis zu wiederholen.

Genaueres zum Ablauf des Kurses lesen Sie oben in der Ankündigung für die VHS Felde. Der Praxisteil wird wieder am Hundestrand stattfinden (Bilder des vergangenen Kurses im September 2013 sehen Sie unten).

Der Kurs war im letzten Jahr an allen vier Volkshochschulen sehr beliebt und die Teilnehmer durchweg aufgeschlossen und wissbegierig. Es können begleitend zur Analyse von Fotos und Videosequenzen auch schon im Therorieteil viele Fragen gestellt werden, so dass die Kursteilnehmer die Möglichkeit haben, den Kurs mitzugestalten. Das sollte man sich nicht entgehen lassen!

Ort: Volkshochschule Gettorf

Dozentin: Inga Jung, Hundeverhaltensberatung

Termin: Samstag, 10. Mai 2014, 15 bis 17 Uhr
sowie Sonntag, 11. Mai 2014, 11 bis 13 Uhr
Kursgebühren für beide Tage: 22 Euro

Anmeldung ab sofort direkt über die VHS Gettorf möglich

Kurs Der unsichere Hund – Ursachen, Nebenwirkungen und was man als Besitzer tun kann

Sehr viele Hunde haben heutzutage mit Unsicherheiten zu kämpfen, denn unsere Welt ist unübersichtlich geworden. Hunde sind enorm anpassungsfähig, aber der Straßenverkehr, der Lärm, die zahlreichen Hunde und Menschen, vor allem in der Stadt, und die Hektik unseres Alltags überfordern sie trotzdem.

Hinzu kommt, dass viele Hunde in der so wichtigen Welpenzeit nicht ausreichend auf alles, was ihnen später so begegnen wird, vorbereitet wurden. Unsicherheit kann sich je nach Charakter und Situation in Flucht und Rückzug, in Meideverhalten, aber auch in Aggressionsverhalten äußern.

Hat man einen unsicheren Hund, dann wird man häufig von allen Seiten mit gut gemeinten Ratschlägen bombardiert, bis man irgendwann selbst völlig verunsichert ist und gar nicht mehr weiß, wie man sich denn nun am besten verhalten sollte.

Unsicherheit ist im Gegensatz zu manch anderem unerwünschten Verhalten nicht nur für den Menschen störend, sondern auch für den Hund sehr belastend – sowohl psychisch als auch körperlich.

In diesem Kurs möchte ich erklären, welche Ursachen Unsicherheit hat, wie sich diese negative Gefühlslage auf Dauer auf den Hund auswirken kann und welche Abstufungen es gibt. Und ich möchte Tipps geben, was man als Besitzer eines unsicheren Hundes wirklich tun kann, um seinem Hund zu helfen.

Ort: Volkshochschule Melsdorf

Dozentin: Inga Jung, Hundeverhaltensberatung

Termin: Freitag, 16. Mai 2014, 17 bis 19 Uhr
Kursgebühren: 8 Euro

Anmeldung ab sofort hier online möglich

Kurs Verstehen wir uns richtig? Die häufigsten Missverständnisse zwischen Mensch und Hund

Manchmal ist es wirklich zum Haareraufen: „Der Hund weiß doch, was das Kommando Sitz bedeutet, und trotzdem setzt er sich nicht hin. Im Gegenteil, je lauter ich werde, desto weniger will er gehorchen. Das macht der doch mit Absicht!“

Tut er das wirklich? – Nein, ganz sicher nicht.

Aber wie kommt es dann, dass er sich in dieser Situation nicht hinsetzt, obwohl er das Kommando doch eigentlich gut gelernt hat?

Warum fressen manche Hunde alles, was in der Wohnung an Fressbarem herumliegt, und scheinen einfach nicht zu lernen, dass das verboten ist?

Warum stürzt Nachbars Waldi sich auf unseren Hund, obwohl er doch gerade eben noch mit dem Schwanz gewedelt hat?

Diesen und vielen weiteren Fragen rund um das Zusammenleben von Hund und Mensch möchte ich in diesem Kurs zum Thema Hundeverhalten und Kommunikation zwischen Mensch und Hund in der VHS Melsdorf gemeinsam mit den Teilnahmern auf den Grund gehen. Dabei sollen sich die Kursteilnehmer ein bisschen in die Welt des Hundes hineindenken und sich in seine Lage versetzen, um sein Verhalten besser verstehen und deuten zu können.

Ort: Volkshochschule Melsdorf

Dozentin: Inga Jung, Hundeverhaltensberatung

Termin: Freitag, 11. April 2014, 17 bis 19 Uhr
Kursgebühren: 8 Euro

Anmeldung ab sofort hier online möglich

Kurs Hundeverhalten beobachten und verstehen April 2014

Nach dem Einstieg in der VHS Flintbek geht es in diesem Frühjahr weiter mit der VHS Felde. Dort findet der Kurs im April inklusive Praxisteil statt. Es ist allerdings auch möglich, nur an der Theorie teilzunehmen.

In der Volkshochschule Felde wird es im Frühjahr 2014 eine Wiederholung des kompletten Kurses „Hundeverhalten beobachten und verstehen“ mit Theorie und Praxis geben. 

Im theoretischen Teil werden wir anhand von Fotos und kurzen Videosequenzen das Verhalten der Hunde analysieren, und es dürfen natürlich viele Fragen gestellt werden. Im Praxisteil, der sich am nächsten Tag anschließt, wollen wir dann schauen, was uns die mitgebrachten Hunde der Teilnehmer zeigen.

Wenn das Wetter einigermaßen mitspielt, mache ich während des Praxisteils Fotos, die ich im Anschluss mit kurzen Erläuterungen auch gerne per E-Mail herumschicke. Auf diese Weise können die Teilnehmer das von ihren Hunden gezeigte Verhalten noch besser aufschlüsseln und auf den Bildern erneut anschauen.

Die an dem Praxisteil zum Kurs Hundeverhalten beobachten und verstehen teilnehmenden Hunde sind selbstverständlich frei von ansteckenden Krankheiten und haftpflichtversichert.

Ort: Volkshochschule Felde

Dozentin: Inga Jung, Hundeverhaltensberatung

Termin: Samstag, 05. April 2014, 15 bis 17 Uhr
sowie Sonntag, 06. April 2014, 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr

Kursgebühren für beide Tage: 22 Euro (nur Samstag: 12 Euro)
Kursnummer: 1.9

Anmeldung ab sofort in der VHS Felde per E-Mail oder schriftlich möglich

Kurs Hundeverhalten beobachten und verstehen März 2014

Nachdem im Jahr 2013 meine Volkshochschulkurse auf große Begeisterung stießen, werde ich auch in 2014 wieder spannende Kurse anbieten. Los geht es dieses Mal am 22. März mit der VHS Flintbek:

Wie im Oktober 2013 wird auch im kommenden Frühjahr mein Kurs Hundeverhalten beobachten und verstehen in der VHS Flintbek ohne Praxisteil stattfinden. Anhand von Bildern und kleinen Filmsequenzen werden wir uns das Verhalten von Hunden im Detail ansehen und besprechen. Es geht hierbei nicht nur um das Verhalten der Hunde untereinander, sondern auch um das Verhalten gegenüber uns Menschen. Wir besprechen, wie wir uns dem Hund verständlich machen und wie wir in verschiedenen Situationen am besten auf den Hund reagieren sollten. Dieser Kurs bietet sich insbesondere auch für Menschen an, die Angst vor Hunden haben, weil sie nicht deuten können, was ein Hund, der ihnen draußen begegnet, von ihnen möchte. Hundebesitzer sind aber selbstverständlich genauso willkommen!

Ort: Volkshochschule Flintbek

Dozentin: Inga Jung, Hundeverhaltensberatung

Termin: Samstag, 22. März 2014, 16 bis 18 Uhr
Kursgebühren: 10 Euro

Anmeldung ab sofort über die VHS Flintbek möglich

Pessimistische Hunde – Gedanken zur Verhaltensforschung

Sehr gerne lese ich neue Texte des Verhaltensforschers Dr. Udo Gansloßer und der Tierärztin Sophie Strodtbeck. Besonders Dr. Gansloßer brachte mich mit seinem Verständnis der Zusammenhänge zwischen dem Verhalten des Hundes und der dabei ablaufenden neurologischen Vorgänge schon des Öfteren auf Lösungen, die ich alleine vielleicht nicht gefunden hätte.

In der Januar-Ausgabe 2014 der Zeitschrift Der Hund haben die beiden einen kurzen Artikel über das Bellverhalten von Hunden veröffentlicht. Der Artikel selbst brachte mir nicht viele neue Erkenntnisse, es war eher so, dass mich die Knappheit, mit der das Thema behandelt wurde, etwas ärgerte. Ich vermute, es lag an der vorgegebenen Zeichenbegrenzung, denn über die verschiedenen Ursachen, Motivationen und Variationen des Hundebellens könnte man schließlich ein ganzes Buch schreiben. Durch den begrenzten Platz musste man sich vermutlich auf eine unvollständige Behandlung des Themas beschränken.

Was mich aber an dem Artikel faszinierte, war ein Satz: „In Untersuchungen […] wurde festgestellt, dass pessimistische Hunde viel häufiger zu Bellstörungen neigen als optimistische.“

Pessimistische und optimistische Hunde! Das wird so einfach in einem Nebensatz erwähnt, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, und doch lese ich hier zum ersten Mal – aus der Feder eines bekannten Verhaltensforschers – dass Hunden ein optimistischer oder pessimistischer Charakter zugeschrieben wird. Ich finde diese Aussage großartig und sie regt ungemein zum Nachdenken an.

Sicher kann man die Charaktere von Hunden und Menschen nicht eins zu eins gleichsetzen. Das, was beim Menschen als pessimistische Grundeinstellung betrachtet wird, muss nicht exakt das Gleiche sein, was man beim Hund darunter versteht.

Aber auch mir ist schon des Öfteren aufgefallen, dass es Hunde gibt, die sich negative Erfahrungen extrem einprägen und offenbar noch lange Zeit nach dem Ereignis ihr Verhalten danach ausrichten. Und dass es wieder andere Hunde gibt, die sich durch negative Erfahrungen überhaupt nicht irritieren lassen, sondern einfach weitermachen als sei nichts geschehen. Ich wäre allerdings nicht so weit gegangen, dies als pessimistische oder optimistische Einstellung zu betrachten, sondern ich ging bisher eher davon aus, dass es mit einem Zusammenspiel der erblichen Veranlagung des Hundes und seiner Entwicklung sowie seiner Erfahrungen in der Sozialisationsphase zusammenhängt, wie er mit negativen Erfahrungen umgeht. Denn um diese gut verkraften zu können, benötigt man eine gute Basis und ein gewisses Repertoire an möglichen alternativen Verhaltensweisen.

Ein Beispiel:

Ein Hund, der in der Welpenzeit nicht ausreichend mit Hunden verschiedener Rassen gespielt hat, hat ein begrenztes Verhaltensrepertoire für Hundebegegnungen entwickelt. Eines Tages stößt er auf einen Hund, der auf das Verhalten, welches unser Hund bei Hundebegegnungen bisher immer gezeigt hatte, aggressiv reagiert. Unser Hund macht die Erfahrung, dass sein Verhalten keinen Erfolg hat. Er hat aber keine Alternative, auf die er zurückgreifen könnte. Folglich ist er verunsichert und reagiert nun ebenfalls mit Aggression.

Hätte unser Hund aber in der Welpenzeit durch ausreichend Spiel mit verschiedenen Sozialpartnern mehr Alternativen entwickelt, dann wäre er durch diese Begegnung weniger frustriert und verunsichert gewesen, denn er hätte zunächst ein alternatives Verhalten ausprobieren können, das vielleicht eher zum Erfolg geführt hätte.

Ist nun der eine Hund pessimistischer als der andere, weil er schneller verzweifelt? Oder hat er einfach durch seine schlechtere Ausgangsbasis weniger Aussichten auf Erfolge und ist daher auch ohne eine spezielle charakterliche Veranlagung schneller zum Scheitern verurteilt?

Oder stellt es sich doch wieder ganz anders dar? Könnte man den Spieß umdrehen und sagen, dass pessimistische Hunde sich mit dem Erlernen sozialer Fähigkeiten und Verhaltensoptionen schwerer tun als optimistische und daher mehr positive Erfahrungen benötigen als beispielsweise ihre optimistischen Geschwister? Möglich wäre es durchaus, und es würde auch erklären, warum in ein- und demselben Wurf manche Welpen deutlich anpassungsfähiger und offener sind als andere.

Meines Wissens nach wurde das noch nicht ausreichend erforscht, aber sagen Sie mir gerne Bescheid, wenn Sie etwas darüber lesen. Die Antwort auf diese Frage interessiert mich sehr.

(Inga Jung, Januar 2014)

Hundetraining ist Hilfe zur Selbsthilfe

 

Früher war es üblich, seinen Hund zur Ausbildung wegzugeben und ihn „fertig erzogen“ zurückzubekommen. Doch kam es schon recht früh zu einem Wandel, denn diese Art der Hundeerziehung funktionierte einfach nicht. Der Hund lernte zwar die Kommandos, aber da Hunde alles, was sie lernen, mit der gesamten Umgebung und allen anwesenden Begleitumständen verknüpfen, war der Hund in der Regel zu Hause bei seinem Besitzer nicht in der Lage, das Gelernte umzusetzen. Das gesprochene Wort war vielleicht das Gleiche, aber der Mensch war anders, er verhielt sich anders, die Umgebung war anders – der Hund war verwirrt und wusste nicht, was von ihm verlangt wurde.

Heute wissen wir viel mehr über das Lernverhalten von Hunden. Wir wissen, wie wichtig die Generalisierung des Gelernten mit verschiedenen Orten und Gegebenheiten ist. Wir wissen auch, wie wichtig es ist, Ablenkungen nur langsam zu steigern. Und wir wissen, dass der Hund in erster Linie auf unsere Körpersprache achtet.

Dieses Wissen führt zu einer sehr wichtigen Erkenntnis: Der Hund und sein Mensch müssen gemeinsam lernen und der Mensch muss wesentlich mehr an sich und seinem Verhalten arbeiten als der Hund. Daran führt einfach kein Weg vorbei.

Und dieses Lernen und An-sich-Arbeiten betrifft nicht nur die Grunderziehung, sondern das gesamte Zusammenleben von Mensch und Hund. Denn je besser der Mensch versteht, wie sein Hund die Welt sieht, desto weniger Schwierigkeiten wird er im Alltag mit seinem Hund haben.

Oft erlebe ich es, dass Menschen mich völlig verzweifelt anrufen und um Hilfe bitten, weil ihr Hund einfach nicht das tut, was sie von ihm erwarten. Sie sehen sich im täglichen Leben ständig in der Auseinandersetzung mit ihrem Hund, sie sind gestresst und genervt und wissen nicht weiter. Und doch liegen die Ursachen dieser zunächst riesig erscheinenden Probleme häufig nur in kleinen Missverständnissen. Sehr oft reicht es dann völlig aus, wenn ich diesen Menschen erkläre, warum ihr Hund sich so verhält und dass er aus seiner eigenen Logik heraus gar nicht anders kann. Diese Erkenntnis, dass ihr Hund überhaupt nicht ärgern und stressen will, sondern einfach seinen Impulsen folgt, und das damit verbundene Umdenken in den Köpfen der Hundebesitzer ist manchmal alles, was an „Therapie“ nötig ist. Dadurch, dass sie ihren Hund mit anderen Augen sehen und besser verstehen, wird ihr gesamter Umgang mit ihm entspannter, und die Probleme erledigen sich von selbst.

Natürlich ist es nicht jedes Mal so einfach. Aber sehr häufig basieren Schwierigkeiten zwischen Mensch und Hund auf Missverständnissen – nicht selten erst provoziert durch einschlägige Hundeerziehungssendungen im Fernsehen, in denen alte, überholte Konzepte gepredigt werden.

Hundetraining ist keine Zauberei. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ich möchte meinen Kunden, den Lesern meines Blogs und auch den Teilnehmern meiner Kurse und Seminare in erster Linie vermitteln, wie sie sich in die Welt ihres Hundes hineinversetzen können. Ich möchte ihnen zeigen, wie ihr Hund das, was er tut, meint. Denn nur auf der Basis dieses Wissen ist es möglich, eine hundegerechte Erziehung aufzubauen und selbst Lösungen für Probleme zu finden. Oder zu erkennen, dass ein vermeintliches Problem vielleicht in Wirklichkeit gar keines ist.

(Inga Jung, Januar 2014)

Hilfe, mein Hund klaut! … Oder nimmt er nur, was übrig ist?

Immer wieder erzählen mir Leute, ihr Hund „stehle wie ein Rabe“. Das hört sich dann zum Beispiel so an: „Während ich vor dem Fernseher sitze und vor mir die Chipstüte habe, liegt er ganz arglos neben mir. Aber wenn ich auch nur kurz aufstehe und weggehe, klaut er sich sofort die Tüte vom Wohnzimmertisch!“

Ist das wirklich ein Diebstahl? Schauen wir uns das einmal genau an.

Leben mehrere Hunde zusammen, dann hat jeder, der Futter ergattern konnte, das Recht, dies in Ruhe aufzufressen. In der Regel wird dieses Recht von den anderen Hunden respektiert, und wenn nicht, dann darf der Hund seinen Besitz gegen die anderen verteidigen. Auch ein Welpe hat das Recht, einen Erwachsenen von seinem Futter zu vertreiben.

Steht der Hund, der das Futter hat, aber auf und lässt seine Reste liegen, dann ist das ein Zeichen für die anderen, dass sie sich bedienen dürfen. Denn derjenige, der das Futter als Erster hatte, hat es durch sein Aufstehen und Weggehen für die anderen freigegeben.

Die anfangs geschilderte Situation beschreibt nichts anderes. Sobald wir aufstehen und unser Essen in Hundenasenhöhe auf dem Wohnzimmertisch liegenlassen, signalisieren wir unserem Hund, dass er sich nun bedienen darf. Tut er das, ist dies aus seiner Sicht absolut in Ordnung. Das, was wir als „Klauen“ bezeichnen, ist für den Hund also erst einmal Normalverhalten: Er nimmt sich schließlich nur das, was andere übriggelassen haben.

Natürlich kann man einem Hund beibringen, das Essen trotzdem auf dem Tisch liegenzulassen. Je niedriger der Tisch aber ist (und je mehr auf Hundehöhe), desto schwerer wird das dem Hund zu vermitteln sein, denn es widerspricht seiner natürlichen Denkweise. Schließlich hat man ihm das Essen geradezu vor die Nase gelegt, da ist es für ihn einfach nicht verständlich, warum er davon nicht auch etwas probieren sollte.

Manchmal hilft tatsächlich nur eines: Aufräumen!

Vor allem wenn es sich um Lebensmittel handelt, die für einen Hund sehr giftig sind, wie beispielsweise Schokolade oder Rosinen, sollte man es keinesfalls dem Zufall überlassen, ob der Hund sich an unseren Resten bedient oder nicht. Denn so ein Experiment könnte lebensgefährliche Folgen für ihn haben.

Aber auch wenn er ungefährliche Lebensmittel erwischt: Mit jedem Erfolgserlebnis wird es wahrscheinlicher, dass der Hund sein Verhalten wiederholt – und vielleicht sogar auf Esstisch und Küchen-Arbeitsplatte ausdehnt.

Wie so oft, ist auch hier wieder unsere Verantwortung gefragt. Der Hund kann die Folgen seines Handelns nicht abschätzen, wir dagegen schon. Wenn wir einfach darauf achten, dass kein Essen, das nicht für den Hund bestimmt ist, unbeobachtet herumliegt, wird er gar nicht erst in Versuchung geführt.

So kann ein unerwünschtes Verhalten, das aufgrund seines selbstbelohnenden Charakters nur schwer wieder abzutrainieren ist, wenn es sich erst einmal gefestigt hat, einfach von vornherein vermieden werden. Und ein bisschen Ordentlichkeit schadet schließlich nicht.

(Inga Jung, erstmals veröffentlicht im Newsletter August 2013)

Kind und Hund – wie man möglichen Gefahren vorbeugt

Probleme im Zusammenleben von Kind und Hund entstehen häufig deshalb, weil Eltern die Sicht des Hundes nicht nachvollziehen können. Ihr Kind ist für sie niedlich, liebenswert und wehrlos. In den Augen des Hundes aber kann ein Krabbelkind, das sich unaufhaltsam immer wieder seinem Liegeplatz nähert, egal, wohin er sich auch zurückzieht, enorm bedrohlich und furchteinflößend sein.

Jeder Hund, der mit einem Kind zusammenlebt, sollte einen sicheren Platz haben, an den ihm das Kind nicht folgen kann, auch wenn er noch so lieb ist. Denn kein Hund hat Lust, ständig von einem Kind bedrängt und im Schlaf gestört zu werden.

Gerade kleine Kinder sind nicht in der Lage, die Warnungen eines Hundes zu verstehen. Bewegt das Kind sich auf den Hund zu und der Hund beginnt das Kind zu fixieren und anzuknurren, dann ist das aus Sicht des Hundes eine eindeutige Kommunikation: „Komm nicht näher“. Hält sich das Kind nicht daran, sieht der Hund sich oft gezwungen, zu deutlicheren Maßnahmen zu greifen.

Da das Kind in so einer Lage völlig überfordert ist, ist es Sache der Eltern, solche Situationen vorherzusehen, richtig einzuschätzen und dann entweder das Kind wegzunehmen oder den Hund auf seinen sicheren Platz zu schicken, an den ihm das Kind nicht folgen kann.

Es passieren im Verhältnis gesehen immer noch die meisten Beißunfälle, in denen Kinder betroffen sind, im eigenen Haushalt. Dessen sollte man sich als Elternteil bewusst sein und aufpassen, denn jeder Hundebiss hat eine Vorgeschichte.

Jedes Kind durchläuft das Tierquäl-Alter. Das ist eine Tatsache.

Kinder sind entdeckungsfreudig, sie wollen Dinge erforschen, sie wollen Ursache und Wirkung sehen, sie wollen den Dingen auf den Grund gehen. In einem gewissen Alter realisieren sie aber noch nicht, dass sie dem Hund damit wehtun. Hier sind die Eltern gefragt, aufzupassen und schnell einzugreifen.

Es gilt konsequent immer – wirklich immer – die Regel: Kind und Hund werden niemals miteinander alleine gelassen, auch nicht für fünf Minuten. Denn das können genau die fünf Minuten sein, in denen der Hund sich gegen das Kind wehren muss und es zu einem Unfall kommt.

Hunde sehen sich selbst als Familienmitglieder, wobei kleine Kinder aus der Sicht des Hundes die Position eines kleinen Geschwisterchens einnehmen. Viele Hunde übernehmen gerne die Rolle des Aufpassers und Helfers. Dennoch tut es ihnen weh, wenn ein Kind auf ihnen herumkrabbelt und sie dabei unabsichtlich tritt oder an ihrem Fell zieht. Einige Hunde ertragen dies gutmütig, andere werden ab einem gewissen Punkt unwirsch und weisen das Kind zurecht, so wie sie es mit einem Welpen tun würden, der im Spiel zu heftig wird.

Purzelt ein Welpe im Schreck nach hinten, dann passiert ihm dabei nichts. Fällt dagegen ein Kleinkind nach hinten, kann es sich dabei schnell den Kopf verletzen. Am besten beugt man vor und achtet darauf, dass der Hund nicht so sehr bedrängt wird, dass er das Gefühl hat, das Kind abwehren zu müssen

Vor dem Gesetz darf ein Kind nicht vor seinem 14. Lebensjahr alleine mit einem Hund spazieren gehen, auch wenn dieser noch so klein ist. Kinder können Gefahren oft nicht richtig einschätzen und handeln zu impulsiv. Wird ihr Hund beispielsweise von einem anderen angegriffen, versuchen Kinder oft, ihren Hund zu schützen, und begeben sich dadurch selbst in Gefahr.

Da Kinder bis zu einem gewissen Alter (meist vor Beginn der Pubertät) von Hunden nicht ernst genommen werden, wird ein Hund, der frei läuft, im Ernstfall vermutlich nicht auf die Kommandos eines Kindes hören, auch wenn er sehr gut erzogen ist.

Erstaunlich viele Hundetrainer hängen noch dem veralteten Rudelkonzept an. Sie meinen, ein Hund müsse sich jedem Familienmitglied „unterordnen“ – ein Begriff, der irreführend ist und heutzutage nicht mehr verwendet wird. Wenn solche Hundetrainer empfehlen, der Hund müsse sich von jedem Familienmitglied – auch von einem Kleinkind – immer alles wegnehmen lassen, da er sich unterzuordnen habe, ist dies ein absolut verantwortungsloser Vorschlag. Das kann fatale Folgen haben, denn ein Hund, der sein Futter oder sein Spielzeug ernsthaft verteidigt, kann unter Umständen ungehemmt zubeißen, da er sich in einem existenziellen Recht bedroht fühlt (mehr dazu im Artikel „Ressourcenverteidigung“).

Bekommen die eigenen Kinder Besuch und es wird wild gespielt und getobt, dann hat ein Hund dazwischen nichts zu suchen. Durch die starke Aufregung, die solche wilden Renn- und Tobespiele bei Hunden erzeugen, kann es im Affekt dazu kommen, dass der Hund zu wild wird und die Kinder zwickt. Viele Kinder können in solchen Momenten nicht stehen bleiben und sich ruhig verhalten, sondern sie fangen an zu schreien und noch schneller zu laufen, und der Hund steigert sich immer mehr in sein wildes Verhalten hinein und verliert mehr und mehr die Selbstbeherrschung. Auch hier ist Vorbeugung am besten: Der Hund bleibt einfach bei den Erwachsenen und hat so keine Gelegenheit, sich ins Spiel der Kinder einzumischen.

Kindern muss erklärt werden, dass fremde Hunde sich anders verhalten als der eigene. Es ist schön, wenn Kinder keine Angst vor Hunden haben – allerdings haben umgekehrt viele Hunde Angst vor Kindern, und sie würden sich wehren, wenn ein Kind sie einfach so anfasst. Daher ist es wichtig, dass Kinder sich an die Regel halten, einen fremden Hund nur dann zu streicheln, wenn der Besitzer dies ausdrücklich erlaubt hat.

Kinder ab dem Grundschulalter haben oft von sich aus schon ein feines Gefühl für die Kommunikation mit Hunden. Sie freuen sich, wenn man ihnen die Signale der Hunde erklärt und sie ihren Hund dadurch immer besser verstehen.

Viele Hunde finden Kinder toll, da diese viel mehr Lust und Zeit als die Erwachsenen haben, mit ihnen zu spielen und zu kuscheln.

Sind die Eltern verantwortungsbewusst und passen auf, dass der Hund nicht zu sehr bedrängt wird, dann kann sich im Laufe der Jahre zwischen Kind und Hund eine tiefe Freundschaft mit einer regelrechten Geheimsprache entwickeln.

(Inga Jung, in etwas veränderter Form erstmals veröffentlicht im Newsletter Juni/Juli 2013)